23.09.2010 – Stefan Pieper: Ein stummer Aufschrei als subtile Rebellion

Pressespiegel

 

23.09.2010 – Stefan Pieper
Ein stummer Aufschrei als subtile Rebellion

Israelisches Tanztheater „Big Mouth“ markiert Zustände im eigenen Land

In der Kolonne marschieren und dann ausbrechen. Sich in Gemeinschaft sicher fühlen, aber das eigene Ich verleugnen. Schließlich einen Aufschrei wagen, der stumm bleibt. So wie die Hauptfigur in „Big Mouth“ gegen die Idealisierung des Militärischen innerhalb der israelischen Gesellschaft unerhört aufbegehrt.

Die Bühne im Theater Pumpenhaus ist quadratisch . Zu dritt schreitet das israelische Trio bestehend aus Keren Levi, Niv Steinfeld und Oren Laor in zackigen Posen das Karee ab. Industrial Rhythmen verdichten das martialische. Zugleich suggeriert der angespannte Gesichtsausdruck ein hohes Maß an unfreiem Getriebensein. In kunstvoller Verwandlung leiten sich aus diesen Posen tänzerische Gesten und stilisierte Choreografien ab.  Schließlich – zum gespenstischen Höhepunkt dieser hochkonzentrierten gerade mal 30 Minuten – mündet die suggestive Körpersprache in eine Gesichts-Choreografie. Keren Levi öffnet langsam ihren Mund weit. Ganz weit! Leer ist ihr Blick und gleißend das kalte Licht. Dieser stumme, in seiner Schmerzverzerrtheit nicht zuletzt an Edvard Munchs berühmtes Gemälde erinnernde Aufschrei  lädt den Raum bis zum letzten Quadratzentimeter mit verstörender Energie auf. Der übermächtige Konformitätsdruck von außen bereitet die Apokalypse im Inneren unausweichlich vor – ließe sich zu aus dieser, für Darstellerin und Publikum gleichermaßen herausfordernden Extrem-Geste ableiten.

Sarkastisch wirkt die eingespielte Musik hierzu: Da erklingt ein in Israel sehr populärer Song über den Sieg der siebten Brigade – mit ihm wurde ihr Urheber, der Armee-Befehlshaber Avigdor Kahalani  zum populären Hit-Produzenten.