20.09.2010 – Gerold Marius Glajch / Westfälischen Nachrichten: Mütter werden zu Madonnen

Pressespiegel

 

20.09.2010 – Gerold Marius Glajch für die Westfälischen Nachrichten
Mütter werden zu Madonnen

„Me&myMum“ in neuer Besetzung

Tanztheater als Spiegelscherbenmosaik. Die zerbrechliche Architektur eines bittersüßen Themas wurde radikal zum Einsturz gebracht, um sie anschließend leichtfüßig ganz neu zusammenzusetzen. Jeder hat eine Mutter, Mädchen werden zu Müttern, Mütter werden zu Madonnen stilisiert. Tänzer und Regisseur Samir Akika widmete seine Produktion „Me&myMum“ dann auch beziehungsreich der „Übermutter des Tanztheaters“ Pina Bausch.

Bereits im März konnte das interessierte Publikum die Premiere von „Me&myMum“ im Pumpenhaus erleben. Der Unfall eines Darstellers zwang die Theatertruppe „Unusual Symptoms“, das Stück neu zu besetzen. Gleichzeitig wurde die Inszenierung neu überdacht. So wurde auf die Projektion der ins Stück integrierten Videos verzichtet, das Bühnenbild wurde in neue atmosphärische Zonen eingeteilt. Da „Me&myMum“ aber in großen Teilen aus improvisierten Elementen bestand, war eine Dynamik in der Entwicklung von Tanz, Spiel und Wort von Anfang an Konzept.

 Neue Darsteller erzählten neue Geschichten. Geblieben ist die sehr persönliche Ebene, auf der die Auseinandersetzung mit dem vielschichtigen Thema stattfand. Jeder einzelne der sieben tanzenden, singenden und musizierenden Darsteller konnte mindestens eine Geschichte erzählen, die er als typisch für den Charakter seiner Mutter empfand. So erinnerte sich ein Tänzer, mit dem Humor des zeitlichen Abstands, an seine von Hygiene besessene Mutter, die ihre Kinder als Schweine zu bezeichnen pflegte. Und auch die lebenslange Verfolgung durch eingeredete Schuldkomplexe kam zur Sprache: „Ihr Kinder seid schuld an meiner Krankheit!“

Mit Gertrud und Lotte Rudhart sah man zudem Mutter und Tochter auf der Bühne, die durch eine sehr realistisch wirkende Szene ein Paradebeispiel lieferten, für die abweichende Erinnerung von Mutter und Kind.

„Beim ersten Mal Stillen habe ich mich gefühlt wie eine Kuh“, rief Alexandra Morales ins Publikum. Dabei hielt sie eines der drei Kinder auf dem Arm, die während der gesamten Vorstellung das Bühnenbild als Spielplatz nutzten. Immer wieder verwandelte sich die nach Erbsensuppe riechende, Familienseligkeit ins Gegenteil. Eine Discoszene diente als Symbol für erste Fluchten zahlreicher Jugendlicher aus der heimischen Idylle. Auf unverarbeitete Aggressionen gegen die mütterliche Dominanz deutete eine Szene hin, in der ein Tänzer seine maskenhaft dargestellte „Mama“ durch die Kulisse jagte.

Die Spielfreude des Ensembles honorierten die Zuschauer nach gut zwei Stunden mit kräftigem Applaus.