18.09.2010 – Carsten Vogel / Westfälischen Nachrichten: Tanztheater im Pumpenhaus – Butoh, Breakdance und Blutleere

Pressespiegel

 

18.09.2010 – Carsten Vogel für die Westfälischen Nachrichten
Tanztheater im Pumpenhaus – Butoh, Breakdance und Blutleere

Viel gegensätzlicher kann ein Tanztheater-Abend kaum verlaufen. Das Pumpenhaus präsentierte am vergangenen Mittwoch- und Donnerstagabend die Premieren von zwei sehr unterschiedlichen japanischen Tanzproduktionen. Den Abend eröffnete jeweils Kentaro!! (die zwei Ausrufezeichen gehören zum Namen), bevor dann Choreograf Kakuya Ohashi mit seinem Stück „Tokyo Story“ Fragezeichen aufwarf.

Beide Produktionen arbeiten mit Elementen des Butoh, einer japanische Form des Tanztheaters. Kentaro!! startet mit Verve und Vehemenz seine Aufführung. Popmusik dröhnt aus den Boxen, und wie ein Gummimensch bietet der junge Japaner eine Mischung aus Butoh, Breakdance und Pantomime: Tradition trifft auf moderne Tanztechnik. Zwischendurch erzählt er den – ob seiner Bewegungen – begeisterten Zuschauern, dass er Humor sehr schätze, manchmal aber auch nicht. Genau dieser Spagat ist Ausdruck seiner Choreografie für „From far away, the one in the world“. Aber auch eine gehörigen Portion Leidenschaft.

Die Entdeckung der Langsamkeit im Ausdruckstanz obliegt im Anschluss den Tänzern des Ensembles von Kakuya Ohashi. Auf der kargen, von Neonlicht kalt beleuchteten Bühne winden sich die drei Tänzerinnen und zwei Tänzer. Langsame Bewegungsabläufe verdeutlichen in „Tokyo Story“ die Formen des Individualismus, der heutige Großstädte nährt. Vom Tonband erklingen dazu unablässig Straßen- und U-Bahn-Geräusche, in die sich gelegentlich klassische Instrumente flüchten.

Vielleicht lag es am Gegensatz zum poppig anmutenden Kentaro!!. Vielleicht war es auch die bewusst dargestellte Blutleere in ihrer Form des Butohs (zu deutsch auch „Tanz der Finsternis“), die das Publikum nicht in ihren Bann zu ziehen vermochte.

Dementsprechend unterschiedlich fiel die Reaktion der Zuschauer am Donnerstag im gut gefüllten Pumpenhauses auf die Darbietungen aus: frenetisch im ersten Teil, fast frostig am Ende des zweiten.

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Schnieders Rückblick auf das Festival beginnt allerdings mit einer kleinen „Katastrophe“: Am 17. April, als das „Birdwatcher Breakfast“ das Festival eröffnen sollte, brach eine Stunde vor Beginn der Transporter zusammen, der das Frühstück in die Rieselfelder schaffen sollte. Ohne die Hilfe eines zufällig vorbeifahrenden Transportfahrers wäre der erste Programmpunkt des Festivals wohl ins Wasser gefallen.

Immerhin 241 Künstler aus 14 Ländern waren an den 73 Festival-Veranstaltungen beteiligt. Zu sehen waren bis Mitte Juni Gruppen aus Münster wie RedArt, Titanick oder Cactus Junges Theater, aber auch Produktionen aus New York und Tokyo. Bei der Auswahl der Gastspiele schaute das Pumpenhaus, so Schnieder, nicht auf Genres, sondern auf Qualität. Dadurch waren unter den 15.000 Zuschauern auch Neulinge, die das Pumpenhaus sonst eher nicht erreicht, wie Schnieder erklärte.

Im Juni 2009 hatte der Theaterleiter nach eigenen Worten das Festival aus Geldmangel schon für sich abgeschrieben, aber die fehlenden 60.000 Euro vom Land NRW wurden dem Projekt schließlich doch noch zugesprochen – eine Woche vor Weihnachten. Für die Planung der viel gelobten Veranstaltungsreihe blieben somit keine vier Monate.

„,Statements ist ein Festival, das die Messlatte sehr hoch setzt“, sagte Schnieder mit Blick auf die Qualität und Intensität des Gebotenen. „Das ,Kulturgebiet Münster 2010 hat dagegen den Sexappeal einer aufgeblasenen Exceltabelle“, lautet Schnieders Seitenhieb auf andere Festivals dieser Größenordnung.

Ob ein Tanz- und Theaterprojekt wie „Statements“ in absehbarer Zeit wiederholt werden kann? „Nein“, sagt Schnieder. Denn durch Regelmäßigkeit gehe das Spezielle verloren.