17.09.2010 – Helmut Jasny / Münstersche Zeitung: Gefesselt von der Großstadt

Pressespiegel

 

17.09.2010 – Helmut Jasny für die Münstersche Zeitung
Gefesselt von der Großstadt

Hip-Hop hat viele Gesichter. Und es werden immer mehr, seit sich diese auf der Straße geborene Subkultur in Richtung Tanztheater bewegt. Ein Protagonist dieser Entwicklung ist der japanische Tänzer, DJ und Bühnenautor „Kentaro!!“, der seinen Namen mit zwei Ausrufezeichen schreibt. Von Helmut Jasny

Möglicherweise um anzudeuten, dass hier jemand am Start ist, mit dem man rechnen muss. Und da hat er nicht ganz Unrecht. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit stellte er im Pumpenhaus sein aktuelles Stück vor.

Flirt beim Umkleiden

Es trägt den etwas sperrigen Titel „From far away, the one in the world“ und erweist sich als ein hochdynamisches Solo. Alt und neu, Würde und Kitsch, Ost und West verbinden sich ironisch miteinander. Das zeigt sich beispielsweise in einem Breakdance zu einer amerikanischen Liebesschnulze, die von harten Bassrhythmen förmlich zerhackt wird. Nach einer kurzen Umkleidepause, in der er mit dem Publikum flirtet, absolviert er einen romantisch anmutenden japanischen Gesang als eine Art Dauerlauf und zappelt auch dann noch hektisch über die Bühne, wenn der letzte Ton längst verklungen ist.

Tokyo Story
Als zweite Europapremiere stand die „Tokyo Story“ des japanischen Choreografen Kakuya Ohashi auf dem Programm. Das Stück bezieht sich auf den gleichnamigen Film von Yasujiro Ozu und setzt fünf Menschen dem Moloch Großstadt aus. Eine Tänzerin wird auf die Bühne getragen, eine andere hereingeschleift. Dann hängen sie auf ihren Stühlen oder taumeln wie angeschlagen durch den Raum. Ab und zu hebt jemand die Hände schützend über den Kopf und blickt besorgt nach oben – alles bei kalter Neonbeleuchtung und an- und abschwellendem Verkehrslärm aus den Lautsprechern.

Orientierungslosigkeit
Was hier auf eindrucksvolle Weise demonstriert wird, ist die Orientierungslosigkeit in einer sich wandelnden Welt, in der das Vertraute allmählich schwindet und das Neue sich als fremd und furchteinflößend erweist. Einmal reißt Klavierspiel die Tänzer kurz aus ihrer Lethargie. Sie springen auf, rennen herum, aber beziehungslose, ohne Kontakt zueinander. Jede Bewegung bleibt Fragment. Es gibt nichts, was sie der Allmacht der Metropole entgegenzusetzen hätten. Am Ende rennt einer wie aufgezogen auf der Stelle. Den anderen ist es egal, sie gehen hinaus. Also nimmt er seine Decke und geht auch. Helmut Jasny