15.06.2010 – Helmut Jasny / Münsterschen Zeitung: Schmerzen glänzen silbern

Pressespiegel

 

15.06.2010 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Schmerzen glänzen silbern

MIt dem japanischen Ausnahme-Tänzer Ko Murobushi ist das Statements-Festival im Theater im Pumpenhaus zu Ende gegangen. Seit dem 17. April feierte das Theater in Münster seinen 25. Geburtstag.

Wenn Ko Murobushi in verbeultem schwarzen Anzug die Bühne des Pumpenhauses betritt, sieht er nicht aus, wie man sich einen Tänzer vorstellt. Eher lassen die abgehackten Bewegungen und die silbern geschminkten Hände, mit denen er sich immer wieder schmerzhaft an den Kopf greift, an einen alterschwachen Roboter denken oder an eines jener merkwürdigen Zwitterwesen, wie man sie in einschlägigen Comics oder Science-Fiction-Filmen findet.

Auch die Musik strahlt wenig Lebensfreude aus. Vielmehr beschränkt sie sich auf das Überlagern schriller Klänge und überlauter Knister- und Kratzgeräusche, womit sie zumindest das schmerzhafte Gebaren des Protagonisten erklären würde, der jetzt seine Kleider ablegt und einen gänzlich silbernen Körper enthüllt, der eindeutig nicht mehr jung ist, aber außergewöhnlich straff und fest, was den anfänglichen Eindruck eines notleidenden Maschinenwesens verstärkt.

Vertreter des Butoh

Ko Murobushi ist einer der bekanntesten Vertreter des Butoh, jener nach dem zweiten Weltkrieg in Japan entstandenen Tanzkunst, deren Ästhetik sich bewusst gegen gängige Vorstellungen von Schönheit richtet. Diese Antiästhetik prägt auch Murobushis Solo „Quicksilver“, in dem der 63-jährige Tänzer in die Rolle eines alten Mannes schlüpft, dessen Körper sich hart an der Schwelle vom Leben zum Tod bewegt.

Ein Großteil des knapp einstündigen Stücks ist bestimmt vom Versuch des Protagonisten, sich aus liegender Position in die Senkrechte zu erheben. Immer wieder von Neuem ordnet er seine Glieder an, die bald wie unter Stromstößen zu zucken beginnen und dann wieder schlaff in sich zusammenfallen. Dazwischen stößt er Grummellaute aus, weil es ihm einfach nicht gelingen will hochzukommen. Bis er dann endlich steht – um nach zehn Sekunden wie ein gefällter Baum erneut zu Boden zu stürzen.

Bitteres Spiel

Es ist ein bitteres Spiel, das deprimiert und gleichzeitig fasziniert, weil offenbar wird, dass erhebliche Körperbeherrschung nötig ist, um Gebrechlichkeit auf künstlerische Weise überzeugend darzustellen. Dieses Paradox hält Murobushi durch, bis er sich am Ende wie ein tödlich verwundetes Tier in einen Sandhaufen stürzt, während sich die Musik mit Tosen und Brausen zu einem wahren Weltuntergangsszenario steigert. Ein erhellender Einblick in eine Tanzkultur, die man auch die dunkle nennt.

Ein würdiger Abschluss für das Statements-Festival in Münsters Pumpenhaus, das mit der letzten Vorstellung am Sonntagabend seinen Abschluss fand.