14.06.2010 – Sabine Müller / Münsterschen Zeitung: Papier oder Stein

Pressespiegel

 

14.06.2010 – Sabine Müller in der Münsterschen Zeitung
Papier oder Stein

Uraufführung: Burkhard Spinnen nähert sich Max Geisberg und dem Prinzipalmarkt

Ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Hindenburg, nein danke!“ trägt Burkhard Spinnen nicht. Aber in Auftrag gegeben ist es schon. Er möchte den Hindenburgplatz in Geisbergplatz umbenennen lassen. 946 Unterschriften hat er dafür gesammelt.

Es ist kurz vor der großen Vorstellung des Antrages im münsterschen Rathaus. Burkhard Spinnen geht mit seiner Assistentin Cornelia Kupferschmid ein letztes Mal die Präsentation durch. Es ist die Geschichte vom Retter des historischen Münsters, nach dessen Plänen der Prinzipalmarkt nach der Zerstörung im Krieg wieder aufgebaut wurde, richtig erzählt?
Die zahlreichen Besucher im Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte waren am Sonntagmorgen gebannt von dieser besonders literarischen Form, sich dem großen Kunsthistoriker, der von 1875 bis 1943 lebte, zu nähern.
Der münstersche Autor Burkhard Spinnen hat im Auftrag des Theaters im Pumpenhaus ein „szenisches Essay“ erfunden: „Papier und Stein. Max Geisberg.“ Er und Schauspielerin Cornelia Kupferschmid schlüpfen in Rollen, die ihre eigenen Namen tragen. Was den Text täuschend echt macht. Vielleicht bastelt Spinnen ja tatsächlich an einem Bürgerbegehren?
Spinnen benutzt die Rahmenhandlung jedenfalls sehr geschickt, um dem Publikum einen Mann nahe zu bringen, mit dem er sich selbst bereits seit 20 Jahren beschäftigt. Die trockene Geschichte wird saftig und schmackhaft, wenn Spinnen schreibt. Ganz ohne Schnörkel und Pathos wird Geisberg greifbar.
Man sieht den fast zwei Meter großen Mann, der jeden Morgen aus der Straßenbahn am Prinzipalmarkt steigt, um in „sein“ Landesmuseum zu gehen. Er ist dort Direktor. 1934 wird er von den Nazis abgesägt und widmet sich fortan der Dokumentation der historischen Bausubstanz von Münster. Bei der Untersuchung erlebt er bereits den „Umbau des Alten“: hier fehlt ein Kamin dort Stuck – die Kaufleute haben ihre historischen Häuser schon längst verändert. 1945, zwei Jahre, nachdem Geisberg auf dem Domplatz zusammenbricht und stirbt, liegt der Prinzipalmarkt dann in Schutt und Asche.

Münster baut

Doch kaum ein Haus wird tatsächlich so aufgebaut, wie vor dem Krieg. Geisbergs Papier und die Steine am Prinzipalmarkt: Das sind zwei Welten. „Münster baut sich selbst“, schreibt Spinnen. Im Geiste Geisbergs. Und wandelt heute durch ein „Mittelalter mit internationalem Warenangebot“. 
Eine intelligente und kurzweilige Geschichtsstunde, die auch die Frage stellte nach der heutigen Identität Münsters. Der Uraufführung werden hoffentlich Wiederholungen folgen.