11.06.2010 – Esther Georg / Westfälischen Nachrichten: Lachen in den Mond hinein

Pressespiegel

 

11.06.2010 – Esther Georg für die Westfälischen Nachrichten
Lachen in den Mond hinein

„Was? Wann? Ich? Nicht ich! Ajax!“, ächzt der Wahnsinnige in den dunklen Saal hinein, in dem man selbst das Knistern von Papier hören kann. Er verdreht die Augen, windet sich, streckt die Arme aus und stößt sich das Messer in den Leib. Die beiden anderen lachen, ein tragisches Lachen beinah. Ein Lachen des Wahnsinns. Dann redet sich der Bote in Rage. Er berichtet von Ajax´ wütender Rache auf die Feinde von Atreides, die er ermorden will. Stattdessen metzelt er eine Herde Vieh nieder und ermordet sich schließlich selbst.

In dieser Adaption des sophokleischen Ajax durch das Attis Theatre Athen, die am Mittwoch im Pumpenhaus gastierte, wird nur eine einzige Handlung erzählt: das Schlachten der Viehherde nach dem Tod des Achilles. Doch die Handlung selbst ist weniger wichtig als ihre Auswirkung auf das Publikum. Der griechisch gesprochene Text, in Englisch auf eine Tafel projiziert, wird auch transportiert, wenn man die Worte nicht versteht. Wahnsinn, Wut, Mord und Schuld erklingen aus der Spielwut der Darsteller, die sich selbst und auch das Publikum in starres Entsetzen hüllen.

Nur drei Schauspieler und ein spärliches Bühnenbild braucht Regisseur Theodoros Terzopoulos, um die Essenz des Stückes auszudrücken. Ein Kreuz aus schwarzen Sockeln dient als Spielfläche, an der das Unbegreifliche und Unerträgliche des Tötens ausgetragen wird. Schwarz wechselt sich mit rot ab, Licht mit Dunkelheit. Den dämonischen Bann, den das Morden auf Ajax ausübt, erspielen Tasos Dimas, Savvas Stroumpos und Meletis Ilias durch krampfhaftes, rhythmisches Lachen und Weinen, erstarrendes Verharren im Moment des Zustechens, Messerwetzen am eigenen Leib. Morden wird dabei zum ewigen Kreislauf. Ajax will entkommen, seiner Schuld, seiner Scham, doch er wird wieder und wieder in den Bann des Wahnsinns gezogen, er rennt, lacht, tötet.

Der gleiche Text, dreimal gesprochen. Dabei findet die Inszenierung jedes Mal neue Wege, den Irrsinn des Tötens spürbar zu machen. Das Publikum fühlt sich beinahe selbst gefoltert, kann das blutige Messer fast an der Kehle spüren, wenn die Schauspieler im roten Lichtkegel sich symbolisch dahinmetzeln, während sanfte Musik als krasser Kontrast die Sinnlosigkeit der Gewalt bewusst macht. Ein Statement über den Wahn des Krieges.

Die Performance beeindruckt allein schon durch die gespannte Atmosphäre, die sie ohne viele Worte schafft. Umrahmt von Dunkelheit bekommt der Zuschauer Einblick in die finstere Seele des Menschen. Zu Beginn klingen nur kehlige Laute in die Finsternis, die zu Gelächter werden, während langsam das Licht erstrahlt. Auf dem Höhepunkt schlägt Lachen in Weinen um. Zum Schluss ein Knall, dann werden die Messer und Säbel symbolisch begraben – wie Ajax, in Ehren. Das gleichmäßige Atmen der Darsteller verklingt in der Dunkelheit des Anfangs.