18.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten: Einsam bei „Zweisam“

Pressespiegel

 

18.10.2009 – Isabell Steinböck / Westfälischen Nachrichten
Einsam bei „Zweisam“

Münster. Der Angebetete ist unerreichbar. Hoch oben krabbelt er über die Bühnenbeleuchtung und macht keine Anstalten, auf die Kinderma–tratze zu springen, die ihm die Schöne im glitzernden Minikleid entgegenstreckt. Auch wenn sie noch so sehr an der Matratze kratzt, den Mann ihrer Begierde beeindruckt das kaum.

„Zweisam – ein ewiger Balanceakt“ ist der Titel von Lotte Rudharts Produktion, die sie gemeinsam mit Roberto Zuniga im Pumpenhaus uraufgeführt hat. Rudhart und Zuniga haben das Stück nicht nur gemeinsam choreografiert, sondern sie sind auch die Tänzer des Abends, die als solche allerdings weniger in Zweisamkeit als jeder für sich agieren.

So wie er bereits zu Beginn des Stücks kaum Notiz von ihr nimmt, geht es umgekehrt weiter. Er zieht sich aus, robbt ihr wie eine Raupe entgegen, knallt das Unterbett auf den Boden – sie ignoriert ihn. Er lässt sich nass regnen, rutscht aus, kugelt zwischen ihren Stöckelschuhen, ergreift schließlich ihre Fesseln, lässt sich mitschleifen – keine Reaktion. Das „Bedürfnis, ganz bei sich zu sein“, wie es im Programmzettel steht, scheint übermächtig, Interaktion ist selten. Hier stehen zwei Einzelgänger auf der Bühne, die unzusammenhängende Solostücke präsentieren, ohne dass sich dramaturgisch etwas entwickelt.

Wenn er tanzt, Querflöte spielt oder ein widerspenstiges Orchester mit dem Taktstock schlägt, sitzt sie auf dem Boden, schaut zu oder sieht weg. Wenn sie mit Tempo im Kreis rollt und dabei mit ganzem Körpereinsatz einen Rhythmus in den Boden hämmert oder mit weichen Bewegungen den Raum durchmisst, ist er abwesend. Tänzerisch und darstellerisch sind die beiden wunderbar, auch choreografisch erweist sich das Duo als sehr kreativ, ähnlich wie in Lotte Rudharts Hommage „Frank Z“, die unlängst im Pumpenhaus begeisterte.

Doch im Gegensatz zu diesem temporeichen, in sich stimmigen Solo verliert sich das Duo in unterhaltsamen Einzelchoreografien. Dass sich die Zweisamkeit am Ende einstellt, erscheint beliebig, wenn auch charmant und herrlich selbstironisch: Nach nass geregneten Haaren und verzweifelter Trunkenheit im Regen spielen die beiden frei nach Heinz Rühmann Regenwürmchen – wie heißt es doch: „So ein Regenwurm hats gut!“.