29.05.2009 – Westfälische Nachrichten – Isabell Steinböck: Kann eine Mutter den Mördern vergeben?

Pressespiegel

 

29.05.2009 – Westfälische Nachrichten – Isabell Steinböck
Kann eine Mutter den Mördern vergeben?

Münster – Sie springt auf und ab, reißt den Arm hoch und ruft hysterisch: „Harmony“ – forgive!“, später nur noch: „Nie – forgive!“ Kann eine Mutter den Mördern des eigenen Kindes vergeben?

Es geht um die Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, die 1995 unter Nelson Mandela in Kraft trat. Ziel war es nicht nur, Menschenrechtsverletzungen des Apartheid-Regimes und seiner Gegner aufzudecken, sondern Opfer und Täter einander nahe zu bringen. Man wollte eine Grundlage dafür schaffen, die zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu versöhnen. Wie schwer das ist, zeigt die Produktion „I said the things you told me not to say – Living pictures of agony“ im Pumpenhaus auf beeindruckende Weise. Das Bonner Fringe-Ensemble, das hier in Kooperation mit Münsters Phoenix 5 agiert, hat sich in den vergangenen Jahren wiederholt dem dokumentarischen Theater gewidmet. Für dieses Stück studierten die Schauspieler unter der Regie von Frank Heuel den Bericht der Wahrheits- und Aussöhnungskommission und zitieren Täter wie Opfer. Die Szenen finden in der formellen Atmosphäre eines Gerichts statt. Drei Schauspielerinnen übernehmen sämtliche Rollen, das Bühnenbild besteht aus umgekippten, weißen Tischen, auf denen nach und nach Bilder entstehen. Bühnenbildner Eduardu Seru agiert ähnlich einem Gerichtszeichner, wenn er während des Stücks die Personen noch einmal mit schwarzem Stift abbildet. Am Ende wird er alles wieder weiß waschen – vergeben und vergessen? So einfach ist das nicht, wenn man Bettina Marugg zuhört, die auf großartige Weise die Rollen wechselt und dabei auch als eine Mutter auf der Bühne steht, die die Leidensgeschichte ihres tapferen Sohnes mit erstickender Stimme herauskrächzt. Oder wenn man die schwangere Laila Nielsen als Mutter eines erschossenen Kindes trauern sieht.
Frank Heuel lässt seine Schauspieler zurückhaltend agieren, als Sprachrohr für all jene, die tatsächlich dahinter stehen. Das hebt den dokumentarischen Charakter des Stücks hervor und berührt. So wird in jedem Fall ein unfassbarer Schmerz deutlich, der die Opfer wie betäubt hinterlässt. Ein wertvolles Theaterstück, dem man ein zahlreiches Publikum wünscht. 

» Weitere Vorstellungen: 5., 6. und 10. bis 13. Juni, jeweils 20 Uhr