10.05.2009 – Raw Like Sushi #3 von Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten: Sehen wie die Kinder

Pressespiegel

 

10.05.2009 – Raw Like Sushi #3 von Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten
Sehen wie die Kinder

Münster – Leuchtende Kugeln tauchen aus einem Fernseher auf, rote Lichter erscheinen auf der Bühne und ein kleines, Salto schlagendes Püppchen, das aussieht wie ein Embryo. Zwei Figuren treten auf, finden und knutschen sich. Susanna Morales Carreras „Microscopia Teatro“ ist ein kleines, liebevoll gestaltetes Puppentheater, das augenzwinkernd von der wichtigsten Sache der Welt erzählt, der Liebe. Das ist kunstvoll gemacht und leicht zu verstehen, so dass man sich fast fragen kann, ob das „Microscopia Teatro“ nicht auch etwas für Kinder sein könnte.
Susanna Morales Carreras Vorstellung ist paradigmatisch für den dreiteiligen Abend, der im Rahmen der dritten Edition von „Raw like Sushi“ im Pumpenhaus auf die Bühne kam. Es wird hemmungslos gespielt, und kindliche Gedankenwelten nehmen dabei eine nicht zu übersehende Rolle ein.
Dies vor allem in „Ja Ja der Jodok“ des Pogoensembles aus Köln. Da sitzen drei Tänzerinnen auf der Bühne, die Beine in den Armen, und sprechen mit den Füßen. Aus dem Off ertönen Peter Bichsels Kindergeschichten, Gedankenexperimente, die die Welt ähnlich auf den Kopf stellen, wie diese Tänzerinnen ihre Körper.
Was wäre, wenn man die Bezeichnungen von Dingen einfach vertauschen würde? Oder wenn man sich einen Onkel Jodok ausdenken würde, um ihn zum Mittelpunkt des Lebens, zum Zentrum der Sprache zu machen? Dilan Ercenk, Denise und Tessa Temme setzen Bichsels Prosa gekonnt in Bewegung um, treten mit Gummipuppen alias „Jodoks“ auf und werden selbst zu welchen, wenn sie ihre Kinderkleidchen im Takt zum Rhythmus der Sprache aufblähen oder die Oberkörper hin- und herkippen lassen.
Vom absurden Anfang bis zum traurig-komischen Ende ist dieses Stück stimmig, die Synchronität der drei Darstellerinnen und ihre beinahe mechanischen Bewegungen passen zur Sturheit von Bichsels Protagonisten – eine gelungene Produktion, mit der diese Nachwuchscompagnie kürzlich den dritten Internationalen Choreografiewettbewerb Ludwigshafen gewonnen hat. Und dann war da noch Lotte Rudhart mit ihrer Choreografie „Frank Z“, eine Hommage an Frank Zappa, die jetzt schon zum zweiten Mal auf die Bühne des Pumpenhauses kam und durch ihre quirlige, tänzerisch versierte Art wiederholt begeisterte.