14.03.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten: Ein Blitz schlägt ins Leben

Pressespiegel

 

14.03.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Ein Blitz schlägt ins Leben

Münster. Am 5. Juli 2006 trifft ein Blitz den Münsteraner Schauspieler Pitt Hartmann. Er überlebt durch eine Reihung glücklicher Zufälle, muss aber ins Koma gelegt werden. Während des Erwachens leidet er an Halluzinationen und verzerrter Wahrnehmung. Diesen Zustand hat Regisseur Alban Renz im Stück „Direct Hit“ verarbeitet, in dem Pitt Hartmann sich selbst spielt. Freitag war im Pumpenhaus Premiere.
Der Fokus des Stücks liegt auf Hartmanns Wahrnehmung beim Erwachen aus dem Koma, der Krümmung seiner Wirklichkeit, den Wahnvorstellungen. Expressionistisch anmutenden Filmausschnitte im Hintergrund untermalen seinen Zustand: Frankenstein, der durch einen Blitz zum Leben erwacht, Nosferatu, der sich vor Schmerzen krümmt und im Licht zerfällt. Hartmann ringt um Worte, glaubt Pygmäen zu sehen, seine Sinne sind im Nebel, er zitiert Kafkas Verwandlung und wandelt Getrude Steins „Rose“ zu: „Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl ist da, damit man sich sehen kann.“
„Durchgangssyndrom“ heißt dieser Zustand, bei Patienten durch die Medikamente, die sie im Koma bekommen haben, nicht zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden können. Hartmann hat einen Gummikäfer bei sich, das „Krainer Widderchen“, Insekt des Jahres 2008, über das er sinniert und es zum lustigsten Insekt erklärt. Wie viele Buchstaben gibt es auf der Welt? Warum sind die Proben der Pygmäen im Keller abgesagt? Sprache wird hier zu einer Konstruktion, die ins Leere läuft. Das sind Momente, in denen Hartmann verloren wirkt, wenn er auf dem Metallbett hockt, leicht gebeugt, den Kopf gesenkt, in seinem gestreiften Pyjama.
Schwankenden Nachttische und die Tunnelperspektive machen die entrückte Wahrnehmung greifbar, Augenzeugenberichte und medizinische Dokumente, die die zwei Krankenschwestern (Babette Verbunt und Lea Bullerjahn) verlesen, fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen. Der Blitz ist hier eine Energie, die durch den Körper fährt und nichts mehr lässt, wie es war, den Lebensmotor in „eine fremde, rostige Karosserie einbaut“. Das Stück ist absurd, gewinnt an Fahrt, zeigt Tragik und Komik, bringt Entsetzen und Verlust auf die Bühne, aber auch den Respekt vor der Zerbrechlichkeit des Lebens, den schönen Momenten. Das Publikum war begeistert.