31.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Maria Berentzen: Wenn der Krieg knackst…

Pressespiegel

 

31.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Maria Berentzen
Wenn der Krieg knackst…

Münster – Irgendwo in Europa. Die Orte tragen Namen wie Madagaskar, Columbus, Alaska, die Kameraden heißen Gamma, Delta oder Möbius. Sie stehen für das Namenlose, Gesichtslose, das in allen Kriegen gleich ist. Es sind die schlimmen Geschichten, die manchmal ganz harmlos anfangen, wie das Fringe-Ensemble in Kooperation mit Phoenix5 am Donnerstag im Pumpenhaus zeigte.
Ein namenloser Erzähler berichtet in „Winter im Morgengrauen“, wie er zu einer Miliz abkommandiert wird, mit der er vier Wochen lang „Säuberungen“ durchführen soll. Glaubt er anfangs noch, die Erlebnisse wieder abschütteln, aus seinem Leben tilgen zu können, übernimmt er nach und nach die Ideologie des Tötens, wird infiltriert.
Der Erzähler beschreibt in der nüchternen Sprache des Krieges. Der Sprache, die ins Leere greift, wenn sie mit technischen Umschreibungen das Entsetzliche normal erscheinen lassen will. Getränkt ist von Hüllwörtern. Die Unschuld? Längst vergangen. Statt in Unschuld wäscht man hier die Hände in Blut rein. „Winter im Morgengrauen“ in der Regie von Frank Heuel zeigt eindrucksvoll die Relativität von Normen im Krieg, von Menschlichkeit, von Wirklichkeit – den Riss in der Welt, den der Krieg schafft. Der danach nicht zu kitten ist, weil die Teile einfach nicht mehr zusammenpassen.
Die Handlung ist sehr reduziert, viel geschieht in der Innenperspektive der Hauptfigur, die mit David Fischer, Manuel Klein und Harald Redmer gleich dreifach besetzt ist. Nur einmal bricht die Verzweiflung, die Frustration hervor: „Krach!“, ein Apfel nach dem anderen knallt gegen den Bretterzaun, den die drei Erzähler zertreten. „Knacks“ macht es, wenn die Latten brechen. Es kracht, wenn sie ins Obst beißen, mit Gier und Verachtung, die sich in ihren Gesichtern gepaart haben.
„Winter im Morgengrauen“ zeigt eine Geschichte der inneren Veränderung, die nach außen dringt, nach und nach durch alle Poren hervorbricht. Es ist die Geschichte eines Opfers, das selbst zum Täter wird, dem namenlosen Grauen des Krieges ein Gesicht gibt. Das Stück lässt bewusst Leerstellen, lässt den Zuschauer allein mit Fragen nach Schuld, Verantwortung, Normen. Erhebt keinen Zeigefinger. Das ist seine Stärke: Hier ist der Zuschauer in der Verantwortung, zu urteilen. Der Autor der Romanvorlage, Jens-Martin Eriksen, war bei der Premiere anwesend und begeistert über die Umsetzung seines Romans.
VON MARIA BERENTZEN, MÜNSTER