23.11.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen: Nachrichten Düster und ein wenig verrückt

Pressespiegel

 

23.11.2008 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Düster und ein wenig verrückt

Münster. Er dreht sich mit ihr – mal sitzt sie auf seinen Schultern, mal springt sie ihm auf die Hüfte, macht sich steif wie ein Brett. Ihre langen Haare fliegen, die Löcher der zerrissenen Jeans klaffen auf. „You will find me in the garden…“, tönt die Musik in dem Duett „Ven“, und tatsächlich hat man den Eindruck, als würde das Paar einander über den Rasen jagen, irgendwo im Halbdunkel, um schließlich auf eigenwillige Weise miteinander zu verschmelzen.
Die „Compañia Entremans“ spricht eine Tanzsprache, die ohne große Gesten und Symbole auskommt, auch die Bühnenausstattung ist auf das Sparsamste reduziert. Den fünf Tänzerinnen und Tänzern, die ihre Stücke gemeinsam choreografieren, reichen ihre athletischen Körper, die sie bis an die Grenze der Belastbarkeit bringen. Da werden atemberaubende Saltos geschlagen, jeder einzelne Muskel spricht – etwa, wenn Ana Beatriz Perez Enriquez aka Betty in „Hasta que no te locomas todo“ mit ihren Schultern Geschichten erzählt oder wenn Alexis Fernandez Ferrera aka Macas Waschbrettbauch sich in „Dejandome“ dem Widerstand von Kirenia Martinez Acosta aka Kire entgegensetzt. Und die Art, wie Maca den Kontakt zur Spanierin Caterina Varela Garea aka Kate sucht, wie er ihr auf den Schultern sitzt, leicht wie eine Feder auf die Finger springt und sie schließlich – ihre Hände unter seinen Fußsohlen – hinter sich herzieht, ist einzigartig.
Vier deutsche Erstaufführungen hat die erstklassige Company am Freitag und Samstag im Pumpenhaus gezeigt, dabei sind sie in Europa noch weitgehend unbekannt. Entdeckt wurden die kubanischen Tänzer, die im spanischen Exil leben, von dem Tänzer und Choreografen Samir Akika, der seit Jahren eng mit dem Theater im Pumpenhaus in Münster zusammenarbeitet.
In seiner Reihe „Raw like Sushi“ hat der ehemalige Pina Bausch-Tänzer hier bereits einige sehenswerte Companys gezeigt und dabei ein Insider-Wissen im Bereich des zeitgenössischen Tanzes bewiesen, dem das Publikum vertrauen kann. Dass er „Entremans“ auf die Bühne bringt, ist ein Highlight, ebenso wie Julio Iglesias Ungo aka Julito, der unabhängig von der Compañia agiert und durch seine Arbeiten mit Choreografen, wie Samir Akika oder Wim Vandekeybus etwas bekannter ist als seine kubanischen Landsleute. Mit „Breath Fragment“ zeigte er an beiden Abenden ein furioses Solo, das, ähnlich wie die Entremans-Produktionen, düster, melancholisch und ein wenig verrückt wirkt. So gelingt es ihm tatsächlich, sich in dem surrealistisch anmutenden Stück in einen nach Luft schnappenden Fisch zu verwandeln, und das mit einer Kraft und Virtuosität, die man nicht so leicht vergisst. Am kommenden Wochenende, vom 28. bis zum 30.11., sind die nächsten Produktionen in der Reihe „Raw like Sushi“ zu sehen. Kartentelefon: 23 34 43.

Isabell Steinböck