15.11.2008 – Caroline Kern in www.echo-muenster.de: „Auf Nummer Unsicher“: Generation P muss sich vor dem Abseits hüten

Pressespiegel

 

15.11.2008 – Caroline Kern in www.echo-muenster.de
„Auf Nummer Unsicher“: Generation P muss sich vor dem Abseits hüten

„Ich weiß halt irgendwie, dass ich nicht blöd bin“, stammelt Pascal, der angehende Regisseur. Er will zeigen, was er gelernt hat, und nicht mehr nur ein Praktikum nach dem nächsten absolvieren. Stichwort: „Generation P“ – was bedeutet das? P wie Praktikum, aber auch P wie prekär, wie planlos, wie provisorisch.
Adjektive, die zum gemeinsamen Nenner für eine Art eigene Spezies geworden sind. Ein Porträt dieser Generation entwarf am Donnerstagabend das gleichnamige Projekt von Theater Bonn und Fringe Ensemble auf der Bühne des Pumpenhauses – ein Schreckensbild, komisch und beängstigend zugleich. Das Stück, es handelte von jungen Akademikern, auch Dauerpraktikanten genannt, die mit abgeschlossener oder abgebrochener Hochschulausbildung auf der Suche sind nach einer festen Anstellung und doch immer wieder nur das Angebot für die nächste Hilfskraftstelle finden, für ein Taschengeld oder o.V. – ohne Vergütung.
Umtriebige Gesellschaftsgruppe
Auf der Grundlage von Interviews mit Studierenden zeichneten die sechs Schauspielerinnen und Schauspieler unter der Regie von Frank Heuel das Bild einer umtriebigen Gesellschaftsgruppe: Pascal, der verkrachte BWL-Student, der viel lieber im Filmgeschäft Fuß fassen möchte. Marie, die Journalistin werden will und sich bereits elf Mal beworben hat,  bislang aber ohne Erfolg. Nina, die junge Immigrantin, die sich „fünf Jahre ganz harter Arbeit“ vorgenommen hat und dann oben sein will – nur wo, das weiß sie nicht. Auch Kai, Katja und Markus sehen nicht klarer. Nur eines wissen sie alle: „Können,  können wir alles, aber: Ich will es nicht!“
In dieser Inszenierung trafen das Groteske und das Dramatische auf großartige Art und Weise zusammen: Blitzlichtartig wurde den Zuschauern ein Einblick in unterschiedliche Biografien gewährt, stets wissend, dass diese real sind. Unter den Leitfragen „Was sind deine Ziele? Bist Du jetzt glücklich? Wovor hast Du Angst?“ generierte sich ein Psychogramm der Generation P, das authentisch, weil nachvollziehbar die Sorgen junger Menschen zum Vorschein brachte: „Ich habe halt Angst, nicht gebraucht zu werden.“
Festes Arbeitsverhältnis
Kritisch wurde zur Debatte gestellt: Wie belastet ist eine ganze Generation von pessimistischen Prognosen? In der Arbeitswelt hat sich der Wind längst gedreht: Während die Eltern nach Lehre oder Studium nahezu automatisch in ein festes Arbeitsverhältnis rutschten, ist für die Kinder eine gute Ausbildung längst nicht mehr die Eintrittskarte in eine abgesicherte Existenz.
Und apropos Kinder: „Eine Familie wünsche ich mir schon, aber ob das so machbar ist?“, fragte Nina nicht nur sich selbst, sondern auch die Gäste. Fremdbestimmte Lebensplanung, eine bedrückende Vorstellung in Zeiten von Individualismus und pluralisierten Lebensformen.
Wunderbar leichtfüßige Musik
Das Bühnenbild gab diese Stimmung wieder: Eine Montage aus weißen, beweglichen Wänden, Podesten und Würfeln, die die Darsteller wie Bauklötze immer wieder neu zu Fantasielandschaften auftürmten und wieder über den Haufen warfen – genau wie ihre eigenen Biografien. Gepaart mit wunderbar-leichtfüßiger Musik von Gregor Schwellenbach  entstand so ein bizarres Szenario, das den Nerv unserer Zeit nicht besser treffen könnte: „Du hoffst, Du hast das Richtige gemacht, aber das wird sich erst zeigen.“

Caroline Kern