07.11.2008 – Barbara Maas in den Westfälischen Nachrichten: Mein erster Sony: Kindlicher Blick aufs Absurde

Pressespiegel

 

07.11.2008 – Barbara Maas in den Westfälischen Nachrichten
Mein erster Sony: Kindlicher Blick aufs Absurde

Münster. Jotam ist ein Sammler. „Ich habe wahrscheinlich die größte Kassettensammlung im Nahen Osten, vielleicht sogar der ganzen Welt“, sagt der Protagonist gleich zu Anfang des Stücks „Mein erster Sony“, das Stéphane Bittoun nach dem gleichnamigen Roman von Benny Barbasch inszeniert hat und das am Mittwoch zum ersten Mal im Pumpenhaus zu sehen war.
Mit unbändiger Neugier und seinem Kassettenrekorder nimmt der Junge im Tel Aviv der 90er Jahre alles auf, was ihm begegnet. Die streitenden Eltern. Den Asthma-Anfall der Schwester. Sex. Familienfeiern. Die Stille des Toten Meeres, in der Jotams Vater das Lachen des verstorbenen Großvaters hört, Jotam seine eigenen Gedanken, der Bruder nichts und das Publikum eine verträumte Melodie.
Die totale sekundenlange Stille, die völlige Leere, bewahrt Stéphane Bittoun für den Moment auf, in dem ein Opfer des Holocaust vor Grauen nicht über seine Erlebnisse sprechen kann. Israelische Geschichte und Familien-Anekdoten, Alltagsleben in Tel Aviv und große Politik – Jotam ist das gleich viel wert. Er dokumentiert alles.
Durch Playback-Theater mit Kinder- und Erwachsenenstimmen, Video-Sequenzen von den Straßen Tel Avivs und Musik gibt Bittoun seiner Inszenierung den Anstrich einer Fernsehdokumentation. Ihr Tempo gewinnt sie, wenn die Schauspieler Dennis Cubic, Peter Dischkow, Ralph Gander, Rebecca Rudolph und Juliane Werner gelegentlich auf Gleitschuhen herumrollen – gehetzt wie bei einem Wettrennen im Streit, harmonisch wie beim Eiskunstlauf, wenn es um die Liebe geht. Den Rest erledigen fahrende Sessel, die wie Luxus-Autoscooter anmuten, und Mini-Trampoline.
Der rastlose, kindlich-komische Blick auf die Absurditäten des Erwachsenenalltags bricht sich dabei immer wieder an berührenden Momenten und wird nachdenklich.
Trotz aller Multimedialität zwingt das anachronistische Medium „Audio-Kassette“ dem Stück seine Form auf. Rückblenden, Vorwegnahmen und schnelle Schnitte verpacken die Handlung häppchenweise in kurze Episoden – auf die zufällig eine völlig andere folgt, wenn die Kassette im Rekorder umgedreht wird. Das Stück ist am heutigen Freitag um 20 Uhr noch einmal im Pumpenhaus ( 23 34 43) zu sehen.