03.10.2008 – Isabella Glogger über „Kränk“ (Sycorax) in den Westfälischen Nachrichten

Pressespiegel

 

03.10.2008 – Isabella Glogger über „Kränk“ (Sycorax) in den Westfälischen Nachrichten
Pures Spiel mit der Sprache

Münster. Ein klassisches Thema: Ein Sohn rebelliert gegen seinen Vater, eine Tochter lehnt sich gegen die eigene Mutter auf. Die Erwachsenen – Chef und Angestellte – kommen sich bei einem Abendessen langsam näher, während sich ihre beiden Kinder, nun freundschaftlich verbündet, immer mehr von ihren Erziehungsberechtigten entfremden. Soweit, so bekannt. Doch „Kränk“, das das Theater Sycorax jetzt im Pumphaus zeigte, ist anders.

„Änders“ um genau zu sein. Denn der Sohn, der sich selbst nur noch Ernk nennt, spricht nicht nur im übertragenen Sinn eine andere Sprache als sein Vater. Er spricht „Kränk“, bei der aus einem „A“ auch mal ein Umlaut wird, bei der Substantive in nicht enden wollender Reihe aufeinanderfolgen und die Erwachsenen bisweilen den Kopf schütteln lässt. „Kränk lernen heißt Kränk missverstehen“, so lautet die erste Regel seiner Sprache, mit der Ernk seine neue Freundin Rosa, die Tochter der Geliebten seines Vaters, mit in seine Welt nimmt.

Für den Zuschauer im Pumpenhaus hieß das jedoch, das Stück „Kränk“ richtig zu verstehen. Eine Lesung kündigte das Programmheft an, doch die Darbietung von Sycorax sollte weder eine reine Lesung werden, noch konnte es als eine Inszenierung des Werkes gelten. Denn ohne Bühnenbild und Requisiten, dafür aber mit Texten ausgestattet, lasen und spielten die fünf Ensemble-Mitglieder das Stück zugleich, das aus der Feder Martin Heckmanns’ stammt. Reduziert auf die minimalistische Bewegung des Aufstehens und Hinsetzens, stand so die Sprache im Mittelpunkt des Geschehens.

„Und genau die war für uns das Reizvolle an ‚Kränk‘“, erklärt Manfred Kerklau. „Dieses pure Spiel mit der Sprache.“ Der künstlerische Leiter von Sycorax saß zwar selbst mit auf der Bühne, sprach aber, am Geschehen unbeteiligt, mit knappen Einwürfen quasi aus dem Off und ermöglichte damit auch ohne sichtbare Veränderungen schnelle Ortswechsel im Geschehen.

Die szenische Lesung des Ensembles schaffte es so, den Konflikt zwischen den Generationen auf die bloße Ebene des Satzes zu reduzieren – wenn auch immer mit der Gefahr, dass das Verstehen zwischen Wortsalven und Sprachspielen unterzugehen drohte.

VON ISABELLA GLOGGER