05.09.2008 – Viktoria von Plettenberg in den Westfälischen Nachrichten: Cactus-Theater: „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“

Pressespiegel

 

05.09.2008 – Viktoria von Plettenberg in den Westfälischen Nachrichten
Cactus-Theater: „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“

Münster. Acht Mädchen in kunterbunten Kleidern und auffälligen Frisuren stehen unbeweglich mit dem Rücken zum Publikum im hinteren Bühnenbereich. Vor jedem ist eine schmale, weiße Wand aufgebaut. Im Vordergrund liegen haufenweise Schaumstoffquader herum. Es wird dunkel und Klaviermusik ertönt, die zunehmend an Dramatik gewinnt. Ein Lichtstrahl fällt von der Seite auf die Schauspielerinnen. Langsam setzen sie sich in Bewegung. Ihr „Shopping-Tag“ bricht an.

Surreal wirkt das Bild, das sich dem Theaterbesucher am Mittwochabend im Pumpenhaus bietet. Raubtierartig wittern acht Teenagerinnen während ihrer Schnäppchenjagd die begehrten Produkte, die durch die Schaumstoffstücke symbolisiert werden. „Betrachte die Ware als Beute und dich selbst als Jäger“, lautet eine ihrer Shopping-Weisheiten. Mit den Augen messen sie neiderfüllt die Chancen ihrer Konkurrentinnen ab. Blitzartig schnellen sie hervor, reißen die Ware an sich und blicken drohend ins Publikum. Wie Raubkatzen schleichen sie vorsichtig zurück, ihre Beute hinter dem Rücken versteckend.

Mit ihrem selbst produzierten Tanztheaterstück „Shopping“ hat das junge Theater „Cactus“ in der Regie von Silvia Jedrusiak-Schwab und der Choreografie von Tamami Maemura ein futuristisches Bild unserer Konsumgesellschaft geschaffen. Licht- und Schattenseite dieser nicht unrealistischen Utopie wechseln sich dabei ständig ab. Die acht Schauspielerinnen im Alter von 13 bis 18 Jahren entlarven die Gefahren, die sich hinter der glamourösen und reizvollen Einkaufswelt verbergen.

Die Mädchen geraten in einen Rauschzustand, der sie alles um sie herum vergessen lässt. „Shopping“ wird zu ihrem einzigen Lebensinhalt, die erstandenen Produkte zum alleinigen Identifikationsfaktor. Selbstverliebt sehen sie nichts als die eigene Person und das eigene Glück. Als „materialfixierte Egomaninnen“ beschimpfen sie sich untereinander und treffen damit den Kern. Kunstvoll spiegelt sich das Thema in Musik und Tanz wider. In Zeitlupe tanzen die Mädchen zu dem Hit „Barbie-Girl“. Ihre abgehackten Bewegungen erinnern an Roboter.

Überschwängliche Freude und tiefe Verzweiflung liegen in dem Stück nah beieinander. Eine Mauer aus Einkäufen baut sich um ein am Boden sitzendes Mädchen auf. Ihr selbstgerechtes und zufriedenes Lächeln erfriert langsam. Traurig scheint sie sich ihrer Einsamkeit bewusst zu werde.

In ihren Mitmenschen finden die Kaufsüchtigen keine Freunde, sondern Konkurrenten oder sogar Feinde. Existiert dennoch ein Verlangen nach Freundschaft, so muss diese erkauft werden. Die Entfremdung unter den Mädchen schreitet so weit fort, dass sie einander nicht mehr verstehen können. Ein babylonisches Sprachgewirr erfüllt den Theatersaal und mündet in einem gellenden Verzweiflungsschrei. „Ich bin ganz alleine. Ganz alleine“, stellt eine Teenagerin ernüchtert fest. Doch die Shoppingschlacht geht weiter . . . Weitere Spieltermine: 5., 6. und 7. September um 20 Uhr im Pumpenhaus ( 23 34 43). VON VIKTORIA V. PLETTENBERG