16.05.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten: Ärzte im Manager-Stress

Pressespiegel

 

16.05.2008 – Friedemann Bieber in den Westfälischen Nachrichten am 16. Juni 08
Ärzte im Manager-Stress

Münster. Ihr Puls rast. Die Anzeige leuchtet blau auf. Die Herz-Frequenz von Frau Lamprecht pendelt jetzt um 180. Das sind drei Schläge pro Sekunde. Doch die Warnung wird ignoriert. Frau Lamprecht ist keine Patientin. Sie ist Ärztin. Und Frau Doktor erzählt gerade von ihrem ersten Notfall, als sie keine Stelle fand, um die Spritze zu setzen. Im Pumpenhaus geht einiges durcheinander und macht trotzdem Sinn.

Im OP-Saal „Pumpenhaus“ läuft die Uraufführung des Stückes „Halbstarke Halbgötter“. Ihr Weiß lässt Regisseur Tugsal Mogul peu à peu grau werden. Und er darf das, weil er sich auskennt. Mogul ist praktizierender Anästhesist. Vier Ärzte sitzen vorm Publikum, gekleidet in grünen Kitteln, verschleiert mit Haarnetz und Mundschutz. Der Zuschauer kennt die Figuren so wenig wie ein Patient seine Chirurgen. Nur deren tatsächlicher Puls rattert über die Anzeige in der Kulisse. Banges Warten, doch der OP-Tisch bleibt leer, diese Ärzte legen sich selbst und ihren Berufsstand unters Messer.

Die Ärzte nähern sich dem Publikum auf Stippvisite. Fachbegriffe kreisen, Abkürzungen, der Laie versteht kein Wort. Oberarzt Dr. Pröll nickt hastig, blickt auf seine Uhr. Wieder ruft der Pieper: der pure Stress im Krankenhaus. Unverständliche Diagnosen, anonyme Abfertigung, überarbeitete Ärzte – das klingt bekannt. Vorsichtig durchbrechen die Schauspieler das spröde Klischee. „Wir sind doch Ärzte! Kein anderer Beruf verdient so viel Achtung, so viel Respekt“, ereifert sich Pröll. „Und was tun wir? – Wir verspielen das Ganze!“ Zeitdruck, Verfahrensanweisung, Bettenbelegung – „so reden Manager“. Im Kanon rezitieren die Ärzte den Eid, ihr Leben in den Dienst der Menschheit zu stellen. Pröll traurig, wütend: „Ich bin verarscht worden!“

Gegenseitig gestehen sich die Helden ihre Selbstzweifel, ihre Frustration, ihre Schuldgefühle. Warum dieser Blackout? Warum musste das Kind sterben? Aus den OP-Kitteln schälen sich Menschen. Ihre Hände dürfen jetzt zittern. Plötzlich geht es um verdrängte Träume, Bücherlesen, Knutschflecke. Die Lebensretter schwelgen in ruhmreicher Vergangenheit: „Ich hab das gemocht, 24-Stunden-Dienst, 24 Stunden keine Sonne sehen!“

Diesen Arbeitsalltag kennt Tugsal Mogul. Der Arzt und Schauspieler verwebt für sein Debüt eigene Erfahrungen zu einer Krankenhaus-Collage. Die Produktion der Gruppe „Theater Operation“ heischt bei diesem Eingeständnis nicht um Aufmerksamkeit. Ein einziges Mal spritzt Blut, sonst bleibt es erfreulich steril. Wenig Sensation, keine Effekthascherei, das 75-minütige Stück überzeugt durch die langsame, aber heftige Entblößung der Charaktere.

Mit Carmen Dalfogo, Bettina Lamprecht, Stefan Otteni und Dietmar Pröll spielt ein hochkarätiges Ensemble mit Fernseh- und Bühnenerfahrung. Wohl dosiert verwandeln sie sich in Dialogen und Anekdoten von anonymen Kittelträgern zu einfühlsamen Ärzten. Mogul will aufklären über die Krankenhaus-Zustände, sein Stück prangert an. Mitunter klingt das nach künstlerischer Frustbewältigung: „Und man möchte meinen, nur noch ein kleines Weilchen, und wir erfahren, weshalb wir leben, weshalb wir leiden.“ Die Ärzte brauchen schließlich selbst Hilfe. Weitere Aufführungen: Samstag und Sonntag (17. und 18. Mai) um 20 Uhr im Pumpenhaus. Karten: 23 34 43.