15.05.2008 – Martina Meißner spricht mit Tugsal Mogul im Juni-Stadtgeflüster: Wanderer zwischen zwei Welten

Pressespiegel

 

15.05.2008 – Martina Meißner spricht mit Tugsal Mogul im Juni-Stadtgeflüster
Wanderer zwischen zwei Welten

Eine der Standardfragen beim gelangweilten Small-Talk ist: Was machen Sie denn so beruflich? Tugsal Mogul hat darauf eine spannende Antwort. Nö, er führt weder erfolgreich ein kleines Familienunternehmen, noch hängt er als Doppel-D-Promi im Dschungel ab. Tugsal Mogul hat die exotische Berufskombi aus Anästhesist und Schauspieler. Wie prima diese beiden Welten zusammenpassen, zeigt er jetzt auch noch als Regisseur in seinem Theaterstück „Halbstarke Halbgötter“.

Wie wird man gleichzeitig Arzt und Schauspieler?
Ich habe schon in der Schulzeit – ich bin ja in Neubeckum aufgewachsen, also um die Ecke – in der Theatergruppe Filou gespielt, habe erste Erfahrungen mit dem Theater gesammelt und das hat Riesenspaß gemacht. Nach dem Abitur habe ich in Lübeck Medizin studiert, aber immer so geliebäugelt mit einer Schauspielaus­bildung. Nach dem Physikum habe ich mich an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover beworben und bin auch genommen worden.

Haben Sie dann Ihr Medizinstudium geschmissen?
Nein, ich hatte gute Dozenten und mit deren Einverständnis habe ich es hinbekommen, parallel zu studieren. Ich habe mich für zwei Urlaubsemester befreit und dann erst mal an der Schauspielschule bis zum Vordiplom gearbeitet und studiert, also ich habe insgesamt neun Jahre studiert und habe dann beide Abschlüsse gemacht.

Ging’s dann erst in den OP oder auf die Bühne?
Zunächst habe ich lange Zeit Theater in Berlin, Hannover und Erlangen gespielt, habe aber auch gesehen, dass mir das Naturwissenschaftliche, Medizinische und Handfeste fehlte, sodass ich dann gesagt habe, okay, die Medizin gebe ich nicht ganz auf. Dann habe ich angefangen, in Berlin im Krankenhaus zu arbeiten, hab’ gedreht und ab und zu einen kleinen Kurzfilm gemacht.

Eine ungewöhnliche Berufswahl …
So ungewöhnlich auch nicht. Die Theater­welt ist ja sehr klein, und da kriegt man schon mit, dass viele noch ein zweites Standbein haben, unter anderem auch Mediziner sind oder so.

Spielen da auch finanzielle Gründe eine Rolle?
Ja, auf jeden Fall. Auch bei mir spielt das unter anderem eine Rolle, mit Medizin weiter zumachen. Man muss nicht jedes Angebot annehmen und muss nicht jeden Mist spielen, der einem angeboten wird. Den Luxus habe ich. Ich spiele gerade in Bonn als Schauspieler und arbeite halbtags in der Raphaelsklinik in Münster. Das Thema, was ich jetzt inszeniere, verbindet gut diese beiden Lebensläufe.

Wovon handelt Ihr Stück „Halbstarke Halbgötter“?
Ich habe über die Jahre hinweg Geschichten von Arztkollegen gesammelt. Geschichten aus dem OP-Alltag, aus dem Alltag auf Intensivstationen, in Notaufnahmen und was da so passiert an skurrilen Situationen.

Also eine Komödie?
Nein, nein. Es ist beides drin. Teilweise wird es sehr humoresk werden, aber es wird auch um Geschichten gehen, die tragisch waren oder die die Leute sehr zum Nachdenken gebracht haben. Es soll kein Doku-Theater werden, so nach dem Motto „jetzt erzählen wir euch mal Arztgeschichten, so wie es ist, und die Ärzte packen aus“, nein, es wird eher eine Collage.

Aus welchen Elementen besteht die Collage?
Da sind einmal die vier Arztfiguren, dargestellt von Bettina Lamprecht, Carmen Dalfogo, Stefan Otteni und Dietmar Pröll, die ihre Geschichten erzählen, und ergänzt wird das mit Zitaten aus der Literatur, von der Antike über Tschechow bis zur Moderne. Es geht vor allem um das Innenleben der Personen. Deshalb werden die Schauspieler zum Beispiel EKGs bekommen. Ihre Werte wie Herzfrequenz, Puls und so werden auf Monitoren zu sehen sein.

Die liegen also auf ’ner Trage und sind am EKG festgestöpselt?
Ne. Die kriegen einen kleinen Computer um die Hüfte und werden mit verkabelt wie diese Microports, die man aus Musicals kennt, was man dann so an die Wangen oder an den Kopf klebt. Und dann sendet das an die Hardware Signale, die dann per Beamer an die Wand projiziert werden. Die hängen also nicht am Kabel wie so ’n Hund. Die Schauspieler haben übrigens alle bei mir einen Tag lang im Krankenhaus hospitiert, um sich auf die Rolle vorzubereiten.

Keiner umgekippt?
Ne. Die durften nicht so nah rangehen. Aber sie haben sich schon die OP-Kleidung angezogen und waren im OP und auf der Intensivstation. Es geht aber in dem Stück nicht um den Alltag in der Raphaelsklinik.

Bekommen Sie für Drehtage oder lange Bühnenproben Urlaub im Krankenhaus?
Ja, das habe ich jedes Mal gleich verhandelt. Ich habe mich immer mit beiden Lebensläufen beworben und auch gesagt, dass die Schauspielerei kein Hobby ist. Gott sei Dank hat das mit Urlaubstagen immer gut geklappt. Wenn man Theater macht, dann hat man natürlich so sechs Wochen Probenzeit, da kann man nicht noch nebenbei im Krankenhaus Narkosen machen.

Wie reagiert denn so ein Chefarzt bei einem Bewerbungsgespräch auf Ihren Lebenslauf?
Prinzipiell waren die Chefärzte immer angetan. Sie finden es gut, dass ich noch etwas anderes habe und nicht diese eingeschränkte Sicht eines Arztes auf das Leben. Durch die extreme Arbeitsbelastung gehen vielen Ärzten die Träume verloren. Ich glaube, diese Sehnsucht nach musischen oder künstlerischen Tätigkeiten ist bei vielen enorm. Man hat ja immer so ein Bild vom Arzt als Halbgott. Es ist aber nicht wie bei Emergency Room oder Grey’s Anatomy.

Sondern?
In diesen Serien wimmelt es von sehr hübschen, schönen Menschen, die stark sind, die gesund sind, verantwortungsvoll sind. Und wenn sie mal ne Schwäche haben, dann sind sie sympathisch in ihren Schwächen. Ich möchte jetzt die Ärzte nicht schlecht machen, aber schon zeigen, dass sie keine unantastbaren Persönlichkeiten sind. Und während es in den Arztserien immer total spannend zugeht, kann es im Krankenhaus schon mal sehr langweilig sein.

Echt?
Ja. Wenn man zum Beispiel eine OP macht, dann ist das schon eine sehr konzentrierte Arbeit, aber dabei passiert es natürlich nicht ständig, dass da ein Herzstillstand ist oder so. Es geht auch um Leben und Tod, auch hier in Münster, aber das ist dann doch eine andere Art, wie man untereinander redet in solchen Situationen.

Wie denn?
Die Sprache in den Krankenhäusern hat sich sehr verändert. Durch die Gesundheitsreform und Umstrukturierung geht es jetzt mehr um Kunden, um Risikomanagement, Fehlermeldung und Qualitätsmanagement. Also Begriffe aus der Wirtschaft. Auch dieses Thema wird im Stück aufgegriffen.

Wie werden Ihre Arztkollegen auf das Stück reagieren? Eher amüsiert oder werden sie sich entlarvt fühlen?
Das Beste wäre, wenn beides passiert. Auf der einen Seite will ich die Kollegen feiern, weil es ein toller, ehrenwerter Beruf ist, den sie machen. Auf der anderen Seite zeige ich die Diskrepanz, zum Beispiel, wie wir mit Patienten reden, wie wir über Patienten reden, sie auf Organe reduzieren.

Zum Beispiel?
Wir sagen nicht mehr: Frau Meier von Zimmer drei hat Bauchschmerzen,
sondern: Die Galle von Zimmer drei hat Beschwerden. Oder: Der Schilddrüse geht’s ganz gut und das Rektum kann morgen nach Hause gehen. Wegen der kurzen Zeit, die man hat, passieren solche Fauxpas. Ich will aber nicht den Beruf demontieren. Das Schönste wäre, wenn man bei dem Stück ein bisschen zum Nachdenken kommt, trotzdem schmunzelt und sagt: So ist es.

Vielen Dank für das Gespräch!

Tugsal Mogul
Wird am 13. Juli 1969 in Neubeckum geboren. Nach dem Abitur studiert er Medizin und Schauspiel. Er arbeitet zurzeit in Münster in der Raphaelsklinik als Anästhesist und Notarzt. Seit Abschluss seines Studiums an der Hochschule für Musik und Theater Hannover 1997 arbeitet er gleichzeitig als Schauspieler am Theater und im Film. „Halbstarke Halbgötter“ ist sein erstes Stück als Regisseur. Es hat am 15. Mai Premiere im Pumpenhaus.