24.04.2008 – Isabell Steinböck (Westfälischen Nachrichten) über Yasmeen Godder

Pressespiegel

 

24.04.2008 – Isabell Steinböck (Westfälischen Nachrichten) über Yasmeen Godder
„Sudden Birds“: Sexualisierte Gewalt und Beziehungslosigkeit

Münster – Zwei Frauen stehen einander gegenüber. Eine dritte drängt sich dazwischen, liebkost erst die eine, dann die andere und stößt die beiden schließlich brutal zusammen. Dann visiert sie eine der beiden an, packt sie an den Hüften und tanzt mit ihr kreischend wie ein pubertäres Mädchen über die Bühne. Ein böser Blick, ein Schlag in die Magengrube, und der Spaß ist vorbei.
Zweier- und Dreierkonstellationen bilden sich immer wieder aufs Neue, zeigen hysterische, an den Wahnsinn grenzende Zuneigung ebenso wie abrupte Gewaltanwendung. Schrille, hohe Töne bilden den passenden Klangteppich, ergänzt durch assoziative Live-Musik eines elektrischen Cellos.
„Sudden Birds“ heißt die Produktion von Yasmeen Godder, die im Pumpenhaus zu sehen war. Die Israelin, die sich an der New Yorker High School of Performing Arts im Tanz ausbilden ließ, gehört zu den großen zeitgenössischen Choreografinnen ihres Landes. Für ihre Performances, die sich immer wieder mit extremen Emotionen auseinander setzen, ist Godder unter anderem mit dem „New York Dance and Performance Bessie Award“ ausgezeichnet worden.
Auch in „Sudden Birds“ zeigt sie Bilder sexualisierter Gewalt und Beziehungslosigkeit. Auf der weißen, leeren Bühne werden die Tänzerinnen zu Marionetten, preisen einander ihre Schönheit an, um wieder und wieder wie Fetische missbraucht zu werden.
Yasmeen Godder bringt mit ihren vier Darstellerinnen eigene Charaktere auf die Bühne, zeigt Weiblichkeit ebenso wie Androgynität oder männlich-brutale, durch sexuelle Begierde und Dominanz geprägte Gewalt. Dass die Choreografie immer wieder um dieses Thema kreist, sorgt mitunter für Längen, dafür überzeugt die Qualität des Tanzes: präzise aufeinander abgestimmte, schnelle Bewegungen, Kontaktimprovisationen und zeitgenössischer Tanz, der sich steigert, bis alle vier synchron agieren.
Gefühle, wie Verletzlichkeit oder Schmerz, werden ausgespart. Umso stärker der Schluss: verzweifelt klopft eine der Tänzerinnen an die Brust einer anderen, bettelt um Zuneigung und wird doch zu Boden geworfen. Mit verdrehten Gliedern bleibt sie liegen, weint, schmerzvoll verzerrt. So lange, bis echte Gefühle möglich werden und die anderen ihre Hand halten – ein Moment, der unter die Haut geht.