18.04.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Die Empfänger von Hartz 11

Pressespiegel

 

18.04.2008 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung, 18.04.08
Die Empfänger von Hartz 11

Münster. Sie sind jung, motiviert und derart flexibel, dass sie gar nicht mehr wissen, wo sie hinsollen. Deshalb ziehen sie in einem alten Wohnwagen durchs Land, immer auf der Suche nach einem Putzjob oder sonst einer untergeordneten, schlecht bezahlten Tätigkeit.
Denn eine Wohnung können sie sich schon lange nicht mehr leisten. Zumindest nicht in den großen Städten, wo es ab und zu noch Arbeit für sie gibt.
„White Trailer Park Trash“ nennt Ralf Hinterding seine bitterböse Satire über die Arbeitswelt von morgen, mit der das Münchner Ensemble uncertainty production noch bis Sonntag in Münsters Pumpenhaus gastiert. Man ist mittlerweile bei „Hartz Eleven“ angelangt. Was früher Mittelstand war, hat sich fast vollständig im Prekariat aufgelöst. Zu diesem gehören auch Alex und Claudia. Zusammen mit ihrem Leibwächter, einem Asylbewerber aus Nigeria, ziehen sie den letzten Jobs hinterher. Später kommt der Exfreund von Alex hinzu und versucht die Arbeitskraft der Mädchen ans Publikum zu verhökern.
Nicht romantisch
Das Stück ist eine gelungene Mischung aus Road Movie und Crashkurs für Globalisierungskritiker. Durch die geschickte Verknüpfung von Spiel- und Videoszenen mit aktuellen Slogans aus Wirtschaft und Politik werden aus unpersönlichen Statistiken menschliche Schicksale. Manchmal versuchen die Protagonisten ihr unfreiwilliges Nomadentum romantisch zu verklären. Von Zigeunerleben und Goldgräberstimmung ist dann die Rede. Aber insgeheim träumt doch jeder von einer bürgerlichen Existenz mit Eigenheim, Hollywoodschaukel und Zahnarzt-Zusatzversicherung.
Wortwitz
Dass die an sich düstere Utopie nicht in Depression abgleitet, dafür sorgen Hinterdings Wortwitz und eine gehörige Portion Selbstironie seitens der Darsteller. Deren spritziges Spiel und die enge Verbindung von Komik und Kritik machen die Inszenierung so sehenswert.