12.03.2008 – Nils Küper in www.echo-muenster.de: „Die Zoogeschichte“: Außenseiter trifft Biedermann

Pressespiegel

 

12.03.2008 – Nils Küper in www.echo-muenster.de
„Die Zoogeschichte“: Außenseiter trifft Biedermann

 

Unerträgliche Spannung

Der Inhalt: An einem sonnigen Nachmittag sitzt der Familienvater Peter (Pitt Hartmann), ein gut situierter, angepasster Bürger des Mittelstandes aus der New Yorker Eastside, auf seiner Lieblingsbank im Central Park und möchte in Ruhe lesen. Da erscheint der lebensmüde Jerry (Andreas Ladwig), ein Außenseiter aus der heruntergekommenen Westside, und verwickelt Peter nach und nach in seine persönliche Lebensgeschichte. Dem Zuschauer offenbart sich, dass Jerry einerseits kontaktgestört zu sein scheint, dass aber andererseits sein persönliches Scheitern in dieser Welt eine unverhohlene Klarheit zum Vorschein bringt, die Peter schockiert. Die fast unerträgliche Spannung des Stückes setzt mit dem Erscheinen Jerrys ein und endet – als alles zu spät ist -mit einer Katastrophe. Details möchte Ladwig, der an der Hochschule für Musik in Münster studierte, nicht preisgeben, aber Eines verrät er doch: „Am Ende stirbt jemand – aber es ist kein Mord.

„Der beste Einakter, den ich je gesehen habe“

1958 verfasste der damals 30-jährige Albee in nur drei Wochen diesen Thriller, mit dem er den Aufstieg in den Kreis der bekannten Theaterautoren schaffte. Der Amerikaner wurde unmittelbar nach seiner Geburt in Washington D.C. von einem sehr wohlhabenden Theaterbesitzer adoptiert, kapselte sich jedoch früh von seinen Adoptiveltern ab und zog daraufhin im Alter von 20 Jahren nach New York, wo er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt. So erschließt sich einem auch Albees Sicht der Dinge im Hinblick auf die Uraufführung, die im September 1959 nicht in seiner amerikanischen Heimat, sondern im Berliner Schillertheater stattfand: „Einen Monat zuvor hatte ich noch Telegramme für Western Union verschickt, und hier stand ich nun in Berlin mit einem überaus erfolgreichen Stück in einer Sprache, die ich nicht verstand. Ich war nicht länger ein Western Union Vertreter. Ich war ein Theaterautor.“ Auch sein Landsmann Norman Mailer, ein Schriftsteller, zeigte sich überwältigt, nachdem er die Premiere des Stückes in New York gesehen hatte: „Das ist der beste Einakter, den ich je gesehen habe.“

„Die Basissituation ist völlig alltäglich“

„Albees Werke werden häufig dem absurden Theater zugeschrieben. Das ist jedoch nicht zutreffend. Ich würde seine Werke eher dem überhöhten Naturalismus zuordnen“, sagt Ladwig. In der Tat gewinnt man nicht den Eindruck, dass die Szenerie dieses Werkes aus der Realität herausgelöst wurde. „Die Basissituation ist völlig alltäglich. Da treffen zwei unterschiedliche Lebenskonzepte aufeinander“, so der gebürtige Cuxhavener, „und das Alltägliche ist dabei mindestens genauso wichtig wie die Katharsis, die der Zuschauer erfährt“. „Die Zoogeschichte“, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, erzählt auch vom Kampf um ein Territorium, das Peter gegen den umherschweifenden Nomaden Jerry verteidigen muss, sowie von der Isolation und Gefangenschaft der beiden Akteure.

Offenheit in alle Richtungen

„Das Stück ist in mehrere Richtungen offen“, will Ladwig sich nicht auf eine einseitige Interpretation festlegen. „Aber multiple Assoziationen sind auf jeden Fall erwünscht.“ So lässt sich die Geschichte als Kritik an Gleichgültigkeit und Selbstgefälligkeit in der Gesellschaft verstehen, aber auch die Fokussierung auf die „Begegnung zweier typischer Männerkonzepte“ (Ladwig) ist nicht von der Hand zu weisen und findet seine Rechtfertigung.

Highlight am Ostersonntag

Um dem Zuschauer das besondere Flair der Metropole New York näher zu bringen, hat sich das Duo etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Der Eingang in den Vorführraum im Keller ist einem Subway-Entree nachempfunden. Ein weiteres Highlight ist das Gastspiel im Rahmen der Fotoausstellung „New York XL“ von Thomas Niessen im alten Güterbahnhof am Ostersonntag (Einlass um 14.30 Uhr). „Die dort ausgestellten Bilder sind unglaublich schön und intensiv“, schwärmt Ludwig. „Da es deutliche Parallelen zwischen der Ausstellung und unserer Inszenierung gibt, ist diese Kulisse für unser Stück wie geschaffen“, freuen sich Hartmann und Ladwig. Die Premiere findet am kommenden Mittwoch (19. März) um 20 Uhr im Theater im Pumpenhaus statt.

Nils Küper

Weitere Aufführungen: 20., 21., 22., 24., 26., 27. und 28. März (jeweils um 20 Uhr) und am 25. März um 14.30 Uhr im alten Güterbahnhof (Hafenstraße 64).

Nils Küper