10.03.2008 – Isbell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Isolation und Wiederholung

Pressespiegel

 

10.03.2008 – Isbell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Isolation und Wiederholung

Münster. Martin Bélanger steht auf der Bühne und beschreibt seine Arbeitsweise als Choreograf: Wie den Zeiger einer Uhr lässt er seine Hand hin- und herticken, der Kopf macht die Bewegung mit, setzt aus und wieder ein. Es geht um einfache, isolierte Bewegungen, die sich aneinander reihen. Bélanger hält sich die Augen zu; der Tanz soll von Innen kommen, ohne der skeptischen Prüfung durch das eigene Spiegelbild ausgesetzt zu sein. Der Tänzer kriecht über den Boden, sucht mit den Augen nach einem Punkt, windet sich. Authentizität bedeutet hier gebrochen und klein zu sein.

„Demonstration No.I“ ist der Titel des Stücks mit dem die kanadischen Tänzer und Choreografen Daniel Léveillé und Martin Bélanger ihr dreiteiliges Gastspiel im Theater im Pumpenhaus eröffneten. Isolation und Wiederholung scheint Programm zu sein, denn auch Louise Bédard zeigt in „Les traces No. II“, einer Choreografie von Daniel Léveillé, immer wieder dasselbe. Mit zuckendem Oberkörper, bebenden Händen und fliegenden Haaren hockt die Tänzerin vor einer nackten Neonröhre und ist wie von Stromschlägen gepeinigt. Dabei lässt sich weder inhaltlich ein Sinnzusammenhang ausmachen, noch tut sich eine besondere Ästhetik auf in diesem Stück, das zunächst ohne Musik auskommt. Dass Léveillé die Tänzerin schließlich wie aufgezogen auf Zehenspitzen durch den Raum trippeln lässt, verleiht der Choreografie immerhin eine gewisse Ironie, die sich jedoch durch quälende Wiederholung schnell wieder abschwächt.

Eine Wohltat dagegen die dritte und letzte Produktion des Abends, „Le sacre du printemps“. Daniel Léveillé interpretiert den Klassiker auf seine Art, indem er die Struktur der Musik durch Bewegung wirkungsvoll unterstreicht. Vier Tänzer stampfen Stravinskys Takt gewaltsam in den Boden, setzen Akzente durch kleine Sprünge und Drehungen. Inhaltlich wird das archaische Frühlingsopfer nur angedeutet, etwa, wenn die Tänzer wiederholt zu einer unsichtbaren Gottheit gen Himmel blicken, wenn sie sich mit der bloßen Hand imaginäre Nahrung in den Mund schaufeln oder ihre rituellen Kreise ziehen. Wiederholung und zwanghafte Mechanismen lassen sich jedoch hier mit Bedeutung füllen und gehören vor allem musikalisch zum Wesen dieser spannenden Choreografie.