18.02.2008 – Elisabeth Elling im Westfälischen Anzeiger: Die Scheiterer

Pressespiegel

 

18.02.2008 – Elisabeth Elling im Westfälischen Anzeiger
Die Scheiterer

Alle hätten so weitergemacht: Sonja mit ihrem Onkel Wanja auf dem Gut malocht und heimlich Astrow angehimmelt, den Arzt. Ihre Großmutter hätte sich vornehm zurückgehalten, der verarmte Ilja sich pausenlos am Samowar mit Tee bedient, der ist ja umsonst. Aber Besuch ist da: Sonjas Vater, der alte Kunstprofessor, mit seiner zweiten schönen jungen Frau. Damit hat das Drama begonnen, werden enttäuschte Lebenserwartungen aufgeworfen.

Wie jeder für sich das Scheitern bewältigt, darauf konzentrieren die Regisseure Thorsten Lensing und Jan Hein Anton Tschechows „Onkel Wanja“. Mit diesem Blickwinkel bleiben die „Szenen aus dem Landleben“ melancholisch und nüchtern, auch wenn die Verzweiflungen sich manchmal verselbstständigen. Die Premiere ihres Theaters T1 (Berlin/Münster), mit dem Lensing und Hein in der freien Szene erfolgreich sind, beschert Münster eine großartige Produktion. Und einen rauschenden Erfolg.

Sie bringen große Schauspieler ins Pumpenhaus: unter anderem Josef Ostendorf (Wanja), Ursina Lardi (Elena, die Frau des Professors) und als Astrow Devid Striesow („Yella“, „Die Fälscher“, „Bella Block“). Der wendet das Textmaterial in Comedykaspereien, norddeutschen Schnack und verprollte Hochsprache: „Das Leben verachte ich aus tiefstem Herzen, ey.“ Sein Astrow kokettiert mit seiner Versagerhaltung ebenso wie mit seiner Nacktheit, wenn er sich mit Wanja besäuft. Striesow improvisiert, torkelt, daddelt, schnaubt und pumpt die Figur so prall auf, dass dann Astrows Verlegenheiten bestürzen: Wenn er Elena seine Waldschutz-Aktivitäten erklärt und seine Liebe, verklemmt er sich in seinen ernsten Absichten.

Striesow dominiert das sagenhafte Ensemble mit seiner Präsenz keineswegs, auch nicht Josef Ostendorfs traurigeren, leiseren Wanja, der sich als lächerliche Figur erkennt. Sein Dasein ist ihm entwertet, als er den Professor, den er verehrte und für den er das Gut betreibt, als Dummkopf durchschaut. Er zielt auf ihn mit dem Revolver, aber: „Schon wieder daneben.“

Mit Elena, in die er verliebt ist, verkrampft er sich in einem Annäherungsversuch, dann trinken die beiden zusammen und besudeln sich mit Rotwein, als markierten sie sich für die gleiche Dummheit: „Ich habe ihn geliebt“, heult Elena über ihren Mann, den eingebildeten Kranken (Rik van Uffelen). Ursina Lardi schlufft mit hängenden Schultern hinter dem Professor her, selbst für ein Gefühl von Überdruss zu gelangweilt. Das Interesse Wanjas und Astrows richtet sie zwar ein wenig auf, aber sie wird nichts wagen. Das zeigt Lardi in jeder Äußerung: Elena will nur spielen, vielleicht.

Sehr jung gibt Ursula Rennecke Sonja, die Tochter des Professors aus erster Ehe. Sie sucht Schutz in Arbeitskleidung (Kostüme: Anette Gunther) und burschikosen Gesten, wenn sie Käse vom Messer isst. Gegen die Enttäuschung, dass Astrow sie nicht liebt, panzert sie sich mit frommen Formeln und der freundlosen Routine. Denn ein Idyll ist dieses Landleben nicht: Nur der Industrieraum des Pumpenhauses (1901) bewahrt Reste repräsentativer Architektur; Bühnenbildnerin Hannah Landes stellt vor die originale brusthohe Holzvertäfelung schäbige Bürostühle und Resopaltische.