18.02.2008 – Andreas Wilink in WDR 3, Mosaik: Tschechows „Onkel Wanja“

Pressespiegel

 

18.02.2008 – Andreas Wilink in WDR 3, Mosaik am 18.02.08
Tschechows „Onkel Wanja“ im „Pumpenhaus“ Münster

Das ist nicht die feine russische Art. Das ist nicht der elegische, melancholische Kammerton, mit dem Tschechow gern inszeniert und mit dessen Hilfe seine Birkenwäldchen-Atmosphäre gewissermaßen sprachlich übersetzt wird. Dieser Tschechow von Thorsten Lensing &  Jan Hein und ihrem Theater T 1 ist radikal anders. Ungemütlich und unmanierlich.

In „Onkel Wanja“ gibt es den Provinz-Arzt, Landmenschen und Städter, die begehrte Frau und die unglücklich Liebende, die Zu-Kurz-Gekommenen und den Erfolgsverwöhnten – einen Literaturprofessor. Die vier Akte erzählen, wie jedes Drama Tschechows, von allem und nichts und davon, wie Zeit verfließt, wie sie sich dehnt und verkürzt. 

Auf der von Hannah Landes eingerichteten und kahl belassenen Bühne im Pumpenhaus Münster findet sich zwar ein Samowar, aber er wärmt kein Gemüt. Ein paar Stühle stehen herum: Sie werden umgeworfen, weggetreten und als Geschosse benutzt. Auch wird viel getrunken. Der Rotwein, der in Strömen fließt und mit dem sich die Figuren selbst und gegenseitig besudeln, bleibt wie Blutflecken auf ihnen und ihren Kleidern. Eine Schaukel ist auch aufgehängt. Die von den Männern umworbene Elena, die zweite junge Frau des alten kranken Professors Alexander, schwingt sich auf ihr weit und hoch hinaus, als wolle sie der Erdenschwere entfliehen und den Kontakt zu diesem Haus und ihrem Leben verlieren.  

Es ist ein brutalisierter Tschechow, exakt gelesen und ausbuchstabiert. Für seine reduzierte Genauigkeit ist Lensing, der seit den 90er Jahren Regie führt, bekannt: einfache Theatermittel, ein schlichter Bühnenraum, klare Sprache. Mehr braucht es nicht. So fein Tschechows Dramenstoffe gewirkt sind, so robust sind sie auch. Und so dehnbar. Ich wüsste keine Tschechow-Inszenierung, die die Vernichtung und das Zerstörerische so ernst genommen hätte, wie Lensing, Hein und ihr Ensemble: dass das Leben sowieso dumm, langweilig und dreckig ist und dass einige Menschen in anderen Menschen nichts als eine schreckliche Verwüstung anrichten. Sie tun sich Gewalt an, seelisch sowieso, aber hier auch körperlich. 

Von Beginn an herrscht Gereiztheit, Aggressivität und Schärfe vor, die zunächst von Wanja ausgeht, der seit 25 Jahren das Gut seines ehemaligen Schwagers, der berühmten Professoren-Exzellenz, gemeinsam mit dessen Tochter Sonja aus erster Ehe verwaltet. Beide fristen dabei aufs Kärglichste ihr Leben. Josef Ostendorf, der sanfte Koloss, ist als Wanja nicht der gute Onkel, sondern ein bitterer, böser, frustrierter Mensch. Eifersucht und Banalität des Daseins verzerren sein Lächeln noch zur Grimasse. 

Das geheime Zentrum des Stücks – und der Aufführung – bildet der Arzt Astrow. Devid Striesow spielt beklemmend und betörend virtuos den totalen Ego-Shooter: hibbelig und kribbelig, kaum zu bändigen in seiner Energie, Unrast und exzentrischen Spiellust. Er qualmt nervös, kaspert, kokettiert, klampft auf der Gitarre, twistet und tigert durch den Raum, immer auf dem Sprung. Er spritzt sich mit einem Wasserschlauch komplett ab und rast klatschnass nach draußen in die winterliche Kälte. Er fällt aus der Rolle in Improvisationen, markiert wie in einem Chaplin-Slapstick den Betrunkenen, nimmt nichts ernst, am wenigsten sich selbst. Die ironische Haltung, mit der er sich und anderen begegnet, lässt aber nicht daran zweifeln, dass der Mann trostlos und  versehrt ist. Jede seiner Charaden ein Notruf. Wenn er ständig „Macht nichts. Macht nichts“ vor sich hin  singsangt, liegt darin die ganze Niedrigkeit und Sinnlosigkeit des Lebens. 

Sonja liebt diesen seltsamen Astrow hoffnungslos, doch der hat sich verliebt in die junge Professoren-Gattin Elena. Ursina Lardi tritt auf wie Märchenwesen im roten Kleid und mit rotem Mund, erscheint  berechnend, herzlos, kalt; überfordert, sich ihre Empfindungen einzugestehen. Sie stöckelt durch ihre Jugend – und vermeidet sie dabei.  
All diesen Figuren gegenüber hat man Mitgefühl, sieht dabei zu, wie traurig, einsam und kaputt sie sind. Erkennt zugleich ihren Egoismus, ihre Schwächen und die Strategien dies zu verbergen. Dabei sind sie nicht eindeutig zu durchschauen. Sie bleiben einem fremd – neben der grausamen Komik eine weitere große Qualität der mehr als dreistündigen Aufführung.  

In Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ heißen zwei Kapitel „Der große Stumpfsinn“ und „Die große Gereiztheit“. Das könnten  Überschriften für den „Onkel Wanja“ von Thorsten Lensing und Jan Hein sein. Der zweite Akt, in dem sich des Nachts die Emotionen entblößen, wird wie ein düsterer erotischer Sommernachtstraum ausgeführt: geil, grell und gemein.  Später glaubt man, in einem Psychodrama Ibsens, O’Neills oder Bergmans zu sein.  Die Preisgabe der Figuren und ihrer Darsteller grenzt ans Absolute. Wie nach einem langen weiten Umweg kommt diese Aufführung Tschechow gefährlich und bestürzend nahe.