17.02.2008 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten: Tschechows „Onkel Wanja“

Pressespiegel

 

17.02.2008 – Arndt Zinkant in den Westfälischen Nachrichten
Tschechows „Onkel Wanja“ im Pumpenhaus

Münster. Rauchen coole Typen eigentlich immer noch? Im zaristischen Russland des Anton Tschechow taten sie’s bestimmt; und der zynische Arzt Michail Astrow in „Onkel Wanja“ ist ein cooler Typ. Jedenfalls in der Inszenierung von Thorsten Lensing und Jan Hein – zumal er von Devid Striesow gespielt wird, mit dem die Produktion von „Theater T1“ die PR-Trommel rührt: Er spielt nämlich auch in dem oscarnominierten Film „Die Fälscher“. Doch statt in Hollywood der Trophäe entgegenzufiebern, wird Striesow in Münster Theater spielen, wie am Freitag splitternackt über die Bühne des Pumpenhauses torkeln – voll wie tausend Russen. Gäbe es die Oscar-Kategorie „Best boozing Actor“, sie wäre Striesow sicher. Seine Säufer-Performance malte ein Grinsen in viele Gesichter. Selten genug bei diesen todtraurigen „Szenen aus dem Landleben“, in die Tschechow alles Elend verpassten Lebens und verpasster Liebe goss. Ein Elend, das vom Regie-Duo oft in schrille, verzweifelte Coolness verpackt wurde, wo leise Töne intensiver gewirkt hätten. Das Publikum aber mochte die Mischung und klatschte johlend Beifall.

Gesoffen wird viel in dieser Inszenierung: Onkel Wanja (Josef Ostendorf) säuft, weil er seine Jugend als fleißiger Gutsverwalter des verehrten Professors Serebrjakow (Rik van Uffelen) vergeudet hat und hoffnungslos dessen junge Frau Elena (Ursina Lardi) begehrt. Der Arzt Astrow säuft, weil die Menschen banal und zerstörerisch sind, Russlands Wälder roden – und er ebenfalls Elena begehrt. Elena selbst säuft, weil sie in der Untätigkeit an der Seite des alten Gelehrten erstickt. Schließlich Sonja (Ursula Renneke), des Professors mausgraue Tochter, die hoffnungslos den Arzt liebt. So säuft auch sie. Ströme von Rotwein ergießen sich über die karge Bühne – wenn die Verzweifelten ihn einander nicht gerade ins Gesicht schütten. Als Chiffre hervorbrechender Gefühle, versteht sich. Am Ende, wenn alle Träume zerplatzt, alle Verzweiflung herausgekotzt ist, sieht das Pumpenhaus wie ein Schlachtfeld aus. Die Scheinwelt aus Unzufriedenheit hat sich in eine Sauerei aus Pfützen, Saatkörnern und Kleiderfetzen verwandelt.

Schade, dass resignatives Tschechow-Leid in dieser Inszenierung meist im modernen Brüllton daherkommt. Die Schauspieler hätten mehr gekonnt: Josef Ostendorf (toll!) spielt Wanja mal als uriges Sensibelchen, mal als hätte er einen russischen Stanley Kowalski im massigen Leib, wenn er nach Elena grabscht. Deren Rolle wird von Ursina Lardi verblüffend modernisiert. Als Sonja brillieren die meisten Aktricen, auch Ursula Renneke. Rik van Uffelen gibt den pompös-lächerlichen Gelehrten, während Devid Striesow zwischen Slapstick und sämtlichen „angry young men“ des Theaters pendeln muss. So spiegelt er das Unentschlossene dieser Inszenierung: Grell und traurig wie das Putin-Russland von heute.