31.01.2008 – In der Wüste der verlorenen Gefühle VON ISABELL STEINBÖCK in den WN

Pressespiegel

 

31.01.2008 – In der Wüste der verlorenen Gefühle
VON ISABELL STEINBÖCK in den WN

Münster. Große, rote Kunststoffkakteen, Lianen, die zu Schlangen mutieren und sattes, grünes Blattgewächs bilden die Kulisse zu Stephanie Thierschs „Cactus Bar“, einem Nachtclub mitten in der Wüste. Die Kölner Choreografin, die mit „Under Green Ground“ und „Beautiful Me“ Erfolge feierte, bringt mit ihrer neusten Produktion, die im Pumpenhaus zur Münster-Premiere kam, ein Stück zweifelhafte Wildwestromantik auf die Bühne: Rauchende Colts und ein toter Butler gehören ebenso dazu, wie verführerische Sängerinnen und finster aussehende (Cow-) Boys, die in den anwesenden Damen und Herren Sexobjekte suchen und auch finden. Was sie nicht finden, ist die Erfüllung ihrer Träume.
Stephanie Thiersch sucht nach den Abgründen erotisierender Körper in einer Gesellschaft, in der Pornographie zum Alltag gehört. Was bleibt nach dem Sex? Wo endet die Party, die so hoffnungsvoll begann? Was ist zu sehen, wenn schließlich die Maske des Verführers fällt?
Die Choreografin, die sich bislang auf multimediale Tanzproduktionen spezialisiert hat, besinnt sich in der „Cactus Bar“ klassisch auf Schauspiel, Tanz und Musik, ohne dass ihr Stück deshalb an Atmosphäre verliert, im Gegenteil. Stephanie Thiersch gelingt es, eine Stimmung zu erzeugen, die durch Gewaltdarstellung und Unterdrückung immer wieder aufs Neue Beklemmungen hervorruft, indem sie zwei Ebenen darstellt: das vordergründig heitere Partyleben der „Cactus Bar“ mit absurder Kleinkunst, moderiert durch einen eitlen Conférencier, der selbst verzweifelt nach Befriedigung seines Egos sucht, und Szenen brutaler Sexualität bis hin zur Vergewaltigung.

Ironisch gebrochen werden die Szenen durch Darstellungen „großartiger“ Künstler oder Partygäste, die als Comicfiguren agieren und einander falsche Komplimente machen, bis Differenzen in der Paarbeziehung übermächtig werden. Die Tänzer Douglas Bateman, Orlando Rodriguez, Agustina Sario und Romy Schwarzer zeichnen sich dabei als eigenwillige Charakterdarsteller aus, die ihre wechselnden Rollen überzeugend ausfüllen.

Je mehr in dem Stück die Hüllen fallen, umso frustrierter werden letztlich die Figuren. Erst ganz am Schluss lassen sie sich dazu hinreißen, ihre Masken als leidenschaftliche Verführer abzulegen. Was bleibt, ist Verletzlichkeit, die Individualität endlich zulässt.