20.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten „Wir müssen uns bewegen!“

Pressespiegel

 

20.11.2007 – Isabell Steinböck, Westfälische Nachrichten
„Wir müssen uns bewegen!“

Münster. „Hallo, ich bin’s“ – „Wie geht es dir?“ Ein Mann und eine Frau sitzen sich an Schreibtischen gegenüber und kommunizieren via Internet. Per E-Mail offenbaren sie einander gesellschaftspolitische Sorgen, persönliche Obsessionen und sonstige Beschwerden. „Gibt es irgendwelche Heilmittel?“, fragt er. „Wir müssen uns bewegen!“, lautet die Antwort.

„Tonic“, das neuste Tanztheaterstück von Simone Aughterlony, das im Theater im Pumpenhaus als Gastspiel zu sehen war, widmet sich physischen wie psychischen Problemen, die der Mensch heutzutage haben kann. Aughterlony, die sich als charismatische Tänzerin von Meg Stuarts renommierter Company „Damaged Goods“ einen Namen gemacht hat, gilt mittlerweile europaweit als choreografischer Nachwuchsstar. Mit „Tonic“ beweist sie erneut Originalität und Witz. Sie bleibt auch hier ihrem Markenzeichen treu, sprachliche Gedankenspiele mit Mimik und Tanz zu visualisieren.

Mit einer großen Portion Ironie zeichnet die Neuseeländerin, die in ihren Stücken auch stets selbst auf der Bühne steht, ein tragikomisches Gesellschaftsbild, das den Einzelnen hilflos wie orientierungslos zurücklässt.

Die Szenen, die entstehen, wenn Simone Aughterlony ihren Bühnenpartner Nic Lloyd auffordert, den Schreibtisch zu verlassen und aktiv zu werden, sind so absurd wie metaphorisch treffend. Etwa, wenn sie den geltungsbedürftigen Mann dazu bringt, sich von einer hochnäsigen Giraffe in ein putziges Eichhörnchen zu verwandeln oder wenn sie selbst in der Darstellung „emotionaler Inkontinenz“ eine wilde Mischung aus Ballett-Parodie, Fitnesswahn und mächtiger Triebhaftigkeit auf die Bühne bringt. Zum Schreien komisch, wie sie mit weit aufgerissenen Augen ihre Sprudelflasche schüttelt, jederzeit bereit, sie zu öffnen, und dem Publikum dabei bedrohlich nah kommt.

Beeindruckend ist das schauspielerische Talent dieser androgynen Tänzerin. Scheinbar mühelos wechselt sie die Rollen, wandelt sich von einer kühlen, ihren Partner manipulierenden Frau zum schüchtern um Zuspruch heischenden Mädchen, das, wenn es sein muss, mit strahlendem Lächeln wie ein Model posieren kann. So gut das Zusammenspiel mit Nic Lloyd funktioniert, sie bleibt die stärkere Darstellerin, von der man nie genug sehen kann.