14.11.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten UNDERCOVER aus Rotterdam

Pressespiegel

 

14.11.2007 – Ole Cordsen in den Westfälischen Nachrichten
UNDERCOVER aus Rotterdam

Münster. Hinter der Fassade herrscht das Grauen. Im Verborgenen türmen sich Probleme und brutale Entwicklungen. Doch lassen sich die dunklen Geheimnisse nicht endlos wegschminken. In seinem Theaterstück „Undercover“ wirft das Rotterdamer Wijktheater Schlaglichter auf Leben junger Menschen, die unschuldig schuldig wurden. Hilflos verheddert haben sie sich bei dem Versuch, ihre wuchernden Schwierigkeiten in den Griff zu bekommen.
Das niederländische Jugendtheater gastierte auf Einladung des befreundeten Ensembles „Cactus Junges Theater“ im Pumpenhaus zum Auftakt des grenzübergreifenden Theater-Projekts „Neighbourhood – theatre exchange D/NL“.
Gemeinsam mit Jugendlichen aus Problembezirken und der psychologischen Betreuungs-Einrichtung „Riagg Rijnmond“ hat Regisseur Hans Lein „Undercover“ entwickelt. Erzählt werden wahre Lebensgeschichten: das von Shiva zum Beispiel. Mitten in der Pubertät wird sie schwanger. Von einem Arbeitslosen. Ihr Vater holt den Knüppel. Sie büxt aus. In tiefstem Winter. Verliert ihr Kind im Mutterbauch. In völliger Geldnot verrät sie einem Fremden leichtgläubig den PIN-Code ihrer Scheck-Karte, der ihr dafür 15 000 Euro verspricht. Pustekuchen. Plötzlich ist ihr Konto kilometerweit in den roten Zahlen. Willkommen in der Schuldenfalle. Trotzdem umgibt sie sich mit Luxus-Artikeln. Herkunft? Zweifelhaft.
Sie wird erneut schwanger, bekommt die Wehen mitten in einem Coffee-Shop, gebiert auf der Straße, wird von einem Junkie mit seinem Regenmantel zugedeckt. Wenig später sieht man sie nur noch ohne ihr Kind. Sie umgibt sich mit einem schillernden Gewebe aus Lügen. „Ich hab doch nichts Schlechtes getan! Es ist Leben!“, ruft sie aus. Weitere Schicksale werden eingeflochten. Elem kifft sich aus dunklen Gründen um Kopf und Kragen, isst kaum noch. Ihre dunklen Punkte am Hals sind keine Knutsch-Flecken. Merel brüstet sich damit, einer „Freundin“ abartige Mails zu schicken und scheitert beim Versuch, Wundmale zu überschminken.
Hans Lein inszenierte die Geschichten als lose verknüpfte Mischung aus dialogischen Szenen und Monologen, Film-Schnipseln, lebendigen Tanz-Einlagen und selbst gesungenen Songs. Das eigentliche Grauen wurde dabei angedeutet – die konkrete Gewalt blieb der Zuschauer-Fantasie überlassen. Schwierig war mitunter, dem Bühnen-Geschehen und der fremden Sprache zu folgen, deren Übersetzung als Übertitel auf eine Leinwand projiziert wurde. Doch das intensive Spiel des jungen Ensembles ließ die Schicksale auch über Sprachbarrieren hinweg spürbar werden.