01.11.2007 – Die Stille ist ein Geräusch

Pressespiegel

 

01.11.2007 – Thomas Schmitz über das Kurt Wagner-Konzert
Die Stille ist ein Geräusch

„Lambchop“-Frontmann Kurt Wagner betörte das Pumpenhaus

Münster. Wahrscheinlich konnte Parkettverleger Kurt Wagner sie einfach nicht mehr ertragen, all die bigotten Country Songs, die ständig aus den Kofferradios seiner Kollegen quollen. Aber man war schließlich in Nashville, Tennessee, der Welthauptstadt des Country. Unmöglich, dieser Musik ausgerechnet dort zu entgehen. Und doch ist es nun schon mehr als 20 Jahre her, dass Kurt Wagner das vielköpfige Band-Kollektiv „Lambchop“ ins Leben rief, mit seiner Melange aus Country, Rhythm’n’Blues, Soul und Kammermusik die warm-sympathische Alternative zur Folklore-Industrie seiner Heimatstadt.

Kurt Wagners Solo-Konzert zum Auftakt seiner ersten Deutschland-Tournee ohne seine Band wurde somit fast schon zwangsläufig zum Gegenentwurf zum schrillen Halloween-Fest. Fast 300 Zuschauer im ausverkauften, weil bestuhlten, Theater im Pumpenhaus waren zu einem weiteren Konzert der Reihe „Musik, die unsere Techniker lieben“ gekommen und sollten es nicht bereuen.

Auf Wunsch von Wagner eröffnete sein langjähriger musikalischer Freund Nils Koppruch, Sänger der inzwischen aufgelösten Hamburger Alternative Country-Band „Fink“, den Abend. Gewohnt schwarzhumorig, mit ein paar alten Liedern seiner ehemaligen Band und neuem eigenen Material im Gepäck, verlas Koppruch außerdem Nonsens-Gedichte des amerikanischen Kult-Autors Richard Brautigan und coverte Helge Schneider. Kein anderer hat bisher geschafft, was Koppruch so auszeichnet: Den lässigen Duktus eines Johnny Cash ohne Substanzverlust in die deutsche Sprache übertragen zu haben. Unpeinliche deutschsprachige Country- und Folk-Musik ist nicht nur möglich, sondern ergibt tatsächlich Sinn, vor allem dann, wenn man so hinreißend vom Leben der Wanterkant-Bohème erzählen kann wie Nils Koppruch.

Kurt Wagners Konzert stand dann ganz im Zeichen von, wie er selbst nicht müde wurde zu betonen, „neuem und obskuren“ Material. Nur wenige Songs vom letzten „Lambchop“-Album „Damaged“ verirrten sich in sein frenetisch bejubeltes, knapp zweistündiges Set. Neben einer Cover-Version von Leonard Cohens „Chelsea Hotel No. 2“ gab es vielmehr   unveröffentlichte Stücke zu hören, einerseits brandneu und möglicherweise auf dem Weg aufs nächste „Lambchop“-Album. Andererseits aber auch von ihm selbst vergessenes Material aus seinem Singer/Songwriter-Schatzkästchen, das er wie gewohnt sitzend, nur mit seiner halbakustischen Gibson-Gitarre vortrug. Während über ihm eine Wäscheleine baumelte, an die er nach und nach die abgesungenen Songtexte klammerte.

So wurde der Papierstapel vor ihm immer kleiner und die Atmosphäre immer intimer, zumal es sich der ansonsten als wortkarg und zurückhaltend geltende Wagner nicht nehmen ließ, persönliche Anekdoten in sein Programm einzuflechten. Das Publikum dankte ihm mit besonders am Anfang ehrfürchtiger Stille, den Atem anhaltend lauschte man einem atemberaubenden Konzert. Teilweise hätte man nicht nur Stecknadeln, sondern Schneeflocken fallen hören können.

Dass diese unfassbar zarte Kammer-Country-Musik von einem im nächsten Jahr ein halbes Jahrhundert alt werdenden Südstaatler kommt, der mit seiner gewaltigen Hornbrille und tief ins Gesicht gezogener Schirmmütze aussieht wie ein leicht debiler Trucker, das aber ist das eigentlich Erstaunliche.