31.10.2007 – Fremd und fremdbestimmt

Pressespiegel

 

31.10.2007 – Isabelle Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Fremd und fremdbestimmt

Münster. Glühbirnen an langen Kabeln beleuchten den Boden. Auf ihm liegen Tänzer gekrümmt, beinahe regungslos. Asiatische Musik erklingt. Da versucht einer von ihnen aufzustehen. Wie ein Käfer liegt er auf dem Rücken, reckt Arme und Beine in die Höhe, kämpft, bis es ihm schließlich gelingt, sich schimpfend und würgend zu erheben. Angetrieben wird der Chinese von seinem Oberkörper, der sich Wellen schlagend und zuckend selbstständig zu machen scheint. Seine Bewegungen beginnen sich erst zu kanalisieren, als er auf ein weibliches – europäisches – Gegenüber trifft, an das er sich zu assimilieren sucht. Doch die Anpassung fällt schwer.

„Outlanders“ ist der Titel der deutsch-chinesischen Koproduktion, die im Pumpenhaus gastierte. Antje Pfundtner erarbeitete das Stück im Rahmen eines mehrwöchigen Workshops gemeinsam mit Wen Hui und deren „Living Dance Studio“ in Peking, wo sie sich mit dem Thema des Fremden, Ausländischen auseinandersetzte. Was die Gruppe nach Wochen interkulturellen Austauschs auf die Bühne bringt, sind sowohl ins Komische verzerrte Stereotype wie auch beklemmende Bilder von Unterdrückung und Repression.

So lassen Wen Hui und Antje Pfundtner einen Europäer auftreten, der, anstelle eines Kopfes, einen mit Alltagsgegenständen gefüllten Trichter auf den Schultern trägt. Regenschirm, Zeitschriften und eine elektrische Zahnbürste gehören zu den Dingen, die ihn prägen und die Sicht auf Neues versperren – eine groteske Gestalt, die Chinesen in Erstaunen versetzt und amüsiert. Die Hand vor dem Mund versuchen sie, gewaltsam ihre Emotionen zu unterdrücken, bevor sie sich am Ende auf Knien rutschend und künstlich lächelnd von ihrem Publikum verabschieden und damit gängige Klischees bedienen.

In Kontrast dazu stehen Szenen, die eindrucksvoll an Chinas rigide Verordnungen gemahnen. Unfreiheit und Unterdrückung des Individuums werden deutlich, wenn Toyomi Yusuke mit gebeugtem Rücken immer wieder zu Boden fällt oder Wen Hui ihr Gesicht mit einer Plastikfolie bedeckt und sie geradezu inhaliert. Eine andere Tänzerin stopft sich Mund, Nase und Ohren mit Papiertüchern zu; nur mit Zwang lässt sich Gleichheit erzeugen – bis hin zum stumpfen Lächeln.