26.10.2007 – Hochhaus: Umgekehrte Evolution

Pressespiegel

 

26.10.2007 – Hochhaus: Umgekehrte Evolution
Markus Küper in den Westfälischen Nachrichten 26.10.07

Münster. So langsam und unerbittlich die Dämmerung den monumentalen Wohnblock zunächst ins kitschigste utopische Dämmerlicht hüllt, um es dann klaustrophobisch nah an die kuschelige Matratzengruft der Zuschauer heranzuzoomen, so unaufhaltsam nimmt auch das Grauen aus dem Lautsprecher seinen Lauf. Auch du, lieber Zuschauer, kannst dich ihm nicht entziehen, scheint es zu sagen. Lange bevor die Unheil dräuende Stimme aus dem Off zum ersten Mal „Und vergiss nicht: Auch du bist Hochhaus!“ raunt.
Sie raunt es dreimal in Paul Plampers auch visuell zum Horror-Triptychon aufgemotzter Hörspiel-Adaption von James Graham Ballards fatalistischem Science-Fiction-Roman „High Rise“. Dort degeneriert eine wohlanständige Groß-WG mit vermeintlich besten Vorsätzen im Zeitraffer zu einem Biotop für primitive Lebensformen: Umgekehrte Evolution als einzig mögliches Untergangsszenario in einer derart lebensfernen Umgebung. 

Und auch Plamper seziert den Rückfall seiner Berliner Gettobewohner in die sozialen Strukturen menschlicher Frühzeit als so gnadenlos poetische Klang-Apokalypse, dass sich die wenigen „Mieter“ im Pumpenhaus ihrer perversen, gut dreistündigen Faszination kaum entziehen können. So unmittelbar zieht Plamper sie hinein in die Zimmerfluchten, leeren Flure und Dächer seiner hermetischen Hochhaus-Welt – und erkundet dabei auch die dunkle Seite in jedem von uns.

Was lustig beginnt, muss blutig enden: Und so zelebriert Plamper vom getöteten Vierbeiner bis zum Stammeskrieg entfesselter Kannibalen, vom ersten schnippisch-gereizten Tonfall bis zur infernalischen Gewalt-Orgie den Untergang, das Ende der Zivilisation und der Aufklärung.

Vor den Kulissen von Albert Speers verwahrlostem Germannia-Utopia wird klar: Hier feiert eine dem Untergang geweihte Zivilisation ihr letztes großes Abschiedsfest.

Der Mensch genießt die Katastrophe, in der seltsamen Faszination eines brutalen, primitiveren Lebens, in dem am Ende nur der Stärkste überlebt: die Natur. Dann zoomt sich die Kamera an den Betonklotz heran, zeigt schließlich die „grüne Mütze“ auf dem Dach. Das ist dann doch irgendwie tröstlich.