30.09.2007 – Synchronisation der Fluchtwege – Festival Beyond Belonging im HAU (Hebbel am Ufer, Berlin)

Pressespiegel

 

30.09.2007 – Irene Grüter in den „Nachtkritiken“
Landschaften – Synchronisation der Fluchtwege – Festival Beyond Belonging im HAU (Hebbel am Ufer, Berlin)

Wieviel Inszenierung verträgt die Wirklichkeit?  
Mit dokumentarischem Theater ist es wie mit Kriegsfotografien: Meist geht es um Inhalte, die nur ein Minimum an Inszenierung vertragen. In „Landschaften – Synchronisation der Fluchtwege“ erzählen eine Frau und zwei Männer aus Bosnien und Herzegowina über ihre Flucht nach Deutschland, als vor 15 Jahren überraschend der Krieg begann.

(…) Drei Mikrophone plus Notenständer stehen vor einer breiten Leinwand. In Videoaufzeichnungen treten die Akteure in den Zeugenstand und erzählen in ihrer Muttersprache (…) über die Zeit Anfang der 90er Jahre. Unter diesen filmischen Porträts stehen die leibhaftigen Protagonisten und übersetzen simultan ins Deutsche. Der Kunstgriff dieser Anordnung: Die Live-Übersetzung stammt nie von demjenigen, der gerade im Video erzählt. Das schafft eine angenehme Distanz zum sehr Persönlichen dieser Geschichten und umschifft (…) die Klippen des Betroffenheitstheaters (…) Wann haben sie erkannt, dass der Krieg tatsächlich begonnen hat? Als bei einer Demonstration erstmals auf Menschen geschossen wurde, sagt Branko Simic, damals Schauspiel-Student in Sarajevo. Als die Einberufung zum Wehrdienst kam, sagt Jons Vukorep, der gerade an seiner Mappe für die Kunsthochschule arbeitete. Als der Lippenstrift „Samantha Nr.17“ nicht mehr erhältlich war, sagt Vernesa Berbo. Im Zentrum aller Berichte steht das ungläubige Staunen darüber, dass es tatsächlich zu einem militärischen Zusammenprall kommen konnte. Die Zerstörung des pulsierenden Sarajevos war für die damals Jugendlichen unvorstellbar. Überstürzt verließen sie ihre Heimatstadt, kamen über Umwege nach Deutschland und brauchten eine Weile, um zu begreifen, dass sie hier als Flüchtlinge galten.
Lachen statt Melo
Inhaltlich gleichen sich diese Geschichten, nicht aber die Art, darüber zu erzählen. Branko Simic, der den Abend konzipiert hat, berichtet zurückhaltend, Jons Vukorep fast abwehrend. Vernesa Berbo hingegen schildert die Ereignisse, als wäre sie die Protagonistin eines Schelmenromans. Die professionelle Schauspielerin präsentiert die schicksalhaften Momente ihrer Flucht so komisch wie die abenteuerlichen Höhepunkte eines Jugendbuchs (…) Einerseits schafft der schwarze Humor eine wohltuend unsentimentale Atmosphäre, andererseits schürt ihre Art, Spannung in die Erzählung zu bringen, ein Gefühl von unlauterer Sensationslust. Gebannt wie ein Kind, das vor dem Einschlafen eine Gruselgeschichte erzählt bekommt, hört man ihren Berichten über Blutflecke auf den Straßen und Hungerattacken zu (…)