26.09.2007 – Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau

Pressespiegel

 

26.09.2007 – Rührende Debatte in der Rabatte. Ein Theaterstück über die Willensfreiheit.
Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau

Die Neurophysiologie liefert im Augenblick die beste Unterhaltung. Ihr fällt es zu, all jene mit Argumenten auszustatten, die von ihrer Anschauung des Lebens zu dem Schluss geführt wurden, dass menschliches Verhalten festgelegt ist – und insoweit die Atomisierung der Vorstellung von Willensfreiheit begrüßen. Oder um es mit Michael Gazzaniga zu sagen: „Wir sind die letzten, die erfahren, was unser Gehirn vorhat“. Was auch immer man Deterministen entgegen hält, es klingt nach Pfeifen im dunklen Wald.

Auf Reizworte dieses Kulturstreits reagiert Heike Scharpff in ihrer mit dem Künstlernetzwerk „klimaelemente“ in den Frankfurter Mousonturm gebrachten Produktion „kopf oder zahl“. Zum abschlägigen Bescheid in den Raum gestellt wird eingangs die Frage: „Ist der Mensch wirklich ein freies Wesen?“ Die Protagonisten scheinen aus einem von Inna Wöllert angelegten Kunststoffpflanzenfeld herauszuwachsen. Die Debatte in der Rabatte läuft nicht zuletzt auf eine Überprüfung der Klangwerte einer Pioniersprache hinaus. Die Rede ist vom limbischen System und von Basalganglien. „Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun“, heißt es. Eine Hacienda-Schönheit (Manuela Weichenrieder) spielt dazu Gitarre. „Es kann nicht sein, dass alles nur Chemie und Physik ist“, barmt eine Kringelglatze (Philipp Sebastian).
Nun findet eine Verschiebung der Pflanzenbatterie statt. Immer wieder legt man aufeinander an, mit Zündplättchenpistolen. Ständig wechseln die Schauspieler ihre Rollen, so dass der grasgrün auftretende Klaus Gramüller sich einmal auch als US-Präsident in der (als klassisches Dilemma bekannten) Lage befindet, über die zur Rettung vieler erforderliche Inkaufnahme des Todes einiger entscheiden zu müssen. Beate Reker assistiert, mit neurotronisch aufgerüsteter Badekappe.
Das Thesenstück verbindet die Ratlosigkeit und Abwehr der Seelentaucher auf intelligente und widerständige Weise mit neuen – eine metaphysische Dimension des menschlichen Seins auch nur wieder neuronalen Prozessen zuordnenden – Einsichten. Berührend ist der vom Ensemble kunstvoll und halb im Verborgenen aufgebaute Abstand zum Bioautomatentum. Zwar zweifelt man am alten Menschenbild, doch mag man es nicht aufgeben, und sei es nur der Liebe wegen, die in die neurophysiologische Tonne zu kloppen man ganz einfach nicht fertig bringt.