10.09.2007 – Spielzeiteröffnung mit Diskothek

Pressespiegel

 

10.09.2007 – Achim Lettmann im Westfälischen Anzeiger vom 27. August 2007
Spielzeiteröffnung mit Diskothek

Von Achim Lettmann
MÜNSTER Dumpf dröhnen die Bässe. Hart drängen die Beats. Dunkel lockt der Theaterraum des Pumpenhauses in Münster, der von Techno-Musik erfüllt ist. Hier im Schattenreich wohnen die Hoffnungen, die Sehnsüchte, die die Disco in den 70er Jahren kommerzialisiert hat. Wer kennt sie nicht, die Lichter über der Tanzfläche, den DJ, der die Menge aufmischt, die Schönen der Nacht und die heftigen Abstürze am Rand der Vergnügungshöhle?
Elf Jugendliche des Jungen Theater Cactus haben mit Regisseur Alban Renz eine Collage zum Thema Nachtschwärmer erarbeitet: „Diskothek“. Statt linearem Erzählstrang, der unweigerlich auf irgendein Paar zuläuft, hat das Junge Theater Cactus Eindrücke gesammelt. Typen konturieren das Spielfeld: Die Alleinerziehende mit wippendem Tanzstil, der nette Gläsersammler, die besoffene Tusse, das schlampige Handygirl, der Sonderling im Jackett (ohne Freundin, natürlich). Das ist gut beobachtet und wird mit hohem Wiedererkennungswert gespielt.
Regisseur Renz verzichtet auf eine straffe Dramaturgie. Die Jugendlichen formieren sich immer neu. Die Bühnentreppe (Kaspar Wimberley, Reiner Holthues) lässt sich schnell zerlegen. Mal als Podest, mal als Aufgang fürs ganze Ensemble. Das Junge Theater Cactus setzt zu kurzen Dialogen an und persifliert Musikstile: Bei „Gothik“ liegen sie am Boden und stöhnen, „Reggae“ versetzt alle ins Schaukelkoma und „Hip-Hop“ wird zum Motherfucker-Battle. Mit Inbrunst und Ironie werden diese Spiel-Intros dargeboten. Dazu bieten Monologe Wissenswertes über die Musikrichtungen. Ein Teil unserer Musikkultur wird so lässig aufgespießt und wie im Quiz (oder Schule) behandelt.
Eine Geräusch-Kulisse klingt zum Thema Toilette an (Gürtelschnalle klappert, Strullgetöse, Kotz-Gedröhne), das es schon ein bisschen riecht. Aber was wird hier getuschelt? Trennung, Verrat, vergebliche Liebe, Ignoranz – die Elf von Cactus halten die Spannung hoch und machen neugierig auf ihre Nachtschwärmer-Szenen. Das ist ulkig, gewagt, nachdenklich, sensibel und erstaunlich. Die „Diskothek“, wie wir sie kennen, mit ein paar sehr authentisch menschlichen Augenblicken.