25.06.2007 – Einmaliger Erstschlag – Die taz über den Manga-Klassiker

Pressespiegel

 

25.06.2007 – 
Einmaliger Erstschlag – Die taz über den Manga-Klassiker

Warum uns die Bombe nicht zusammenbringt, zeigt im Düsseldorfer FFT das Theater-Ensemble „half past selber schuld“ mit seiner Inszenierung des Manga-Klassikers „Barfuss durch Hiroshima“. „Brechtianisch“, das haben Sie vermutlich schon mal gehört. Immer wenn es auf der Bühne mal ein bisschen undurchsichtig zugeht und eine politische Aussage transportiert werden soll, geht dieses Wort über die Tastatur. Auch wenn es manchmal ein wenig unpassend erscheint. „Barfuss durch Hiroshima“ im Düsseldorfer Forum Freies Theater (FFT) ist so ein Fall. Ein Lehrstück ist es trotzdem. „Seid stark wie der Weizen, wenn man euch niedertritt“, spricht Vater Nakaoka zu seinem sechsjährigem Sohn Gen. Leicht zu beherzigen ist das nicht. Die Nakaokas sind Pazifisten im Japan zur Zeit des 2. Weltkriegs und leiden unter Repressalien der Polizei und willkürlichen Anfeindungen einer den Krieg heroisierenden Bevölkerung. Doch am 6. August 1945 verändert sich das schwierige Leben der Familie Nakakoa erstschlagartig. „Barfuss durch Hiroshima“ ist der dritte Bühnencomic des deutsch- israelischen Autorenduos „half past selber schuld“ und eine Adaption des gleichnamigen Mangas von Keiji Nakazawa. Der 68-jährige Japaner hat darin den Atombombenabwurf auf Hiroshima verarbeitet – autobiographisch und gleichzeitig allgemeingültig. Durch die Darstellung im Pop-Medium Comic bekommt die Erfahrung der atomaren Zerstörung einen angemessen Platz, anstatt in den Bunkern der Hochkultur für eine erhabene Gänsehaut zu sorgen. Schließlich ist der atomare Schrecken immer noch alltäglich, nicht nur in Japan, wo Zeichner Nakazawa seit langem mit der Leukämie kämpft. Umso besser, wenn die fünf DarstellerInnen sich nicht in letztlich ohnmächtiger Betroffenheit suhlen müssen, sondern eine Stunde lang zu unterhalten verstehen. „Wir sorgen für Frieden und Sicherheit“, singen die beiden Atombomben Fat Man und Little Man im Duett und nur allzu gerne möchte man ihren Harmonien Glauben schenken. Fast so, als hätte es Stanley Kubricks „Dr. Strangelove“ und die Pershing II-Debatte nie gegeben. Und wenn Gen für seinen Tenno- kritischen Schulaufsatz Prügel vom Lehrer kassiert, dann nicht ohne passenden Soundeffekt. Die multimediale Umsetzung des Comics mit Cartoons, historischem Filmmaterial und kulleräugigen Puppen ist dabei auch dringend notwendig, um die tragische Geschichte des jungen Gen, der durch die Atombombe nicht nur Vater und Bruder, sondern auch seine neugeborene Schwester verliert, nicht in Rührseligkeit enden zu lassen. Denn eine simple Schuldzuweisung ist nicht das Anliegen der Theatergruppe um Ilanit Magarshk-Riegg und Sir ladybug beetle, sondern die Auflösung manichäischer Denkmuster. Wer dabei nicht mit ihnen ist, ist deshalb noch lange kein Gegner. Präsident Trumans Bekanntgabe des Atombombenabwurfs erscheint angesichts des dargestellten Schreckens zwar als die berechnende Propaganda, die sie war, doch die unnachsichtige Darstellung der japanischen Kaiserherrschaft in den Minuten zuvor macht es schwierig, die Verantwortung für den Atombombenabwurf allein auf Seiten der Vereinigten Staaten zu suchen. Dank dieser Überwindung vermeintlicher Gegensätze ist „Barfuss durch Hiroshima“ ein gelungenes Lehrstück – nicht nur handwerklich, sondern auch politisch. „half past selber schuld“ wünschen der Welt nicht ganz uneigennützig Frieden“ lässt das Ensemble am Ende des Abspanns auf die Leinwand projizieren. Wort drauf. taz NRW vom 11.5.2007, CHRISTIAN WERTHSCHULTE