06.06.2007 – „Du sollst“ in der ZEIT

Pressespiegel

 

06.06.2007 – 
„Du sollst“ in der ZEIT

Wir Erwachsenen sorgen uns sehr um die Generation, die soeben ihre Geschlechtsreife erlangt. Die Zeitungen empören sich über den Sex der 14-Jährigen: Oralverkehr als Mutprobe vor versammelter Mannschaft, der Darkroom als Partykeller, die Orgie als Wochenendvergnügen. Die Alten fürchten und beneiden ihre Nachkommen: Wie man so hört, begreift diese Jugend Sex nur als eine Methode unter anderen, um auf Touren zu kommen. Wie man so hört, lebt sie nach dem Motto: Die besten Drogen lagern in unseren eigenen Drüsen. Was für eine frivole Generation! Wenn wir uns aber selbst ansehen, probehalber, mit dem Blick eines 14-Jährigen, so muss es uns vor uns selbst bang werden. Wirken die Menschen ab Mitte dreißig nicht wie Versehrte? Wie Veteranen, die nur noch aus ihrem persönlichen dreißigjährigen Krieg, dem Krieg der Geschlechter, heimkehren wollen? Wo die Jungen angeblich die Schwere der Liebe scheuen und sich ins Offene, Unverbindliche retten, da sind die Alten schon zusammengebrochen unter all der Last. Die Liebe ist ihre, unsere Kirche. Sie allein weckt in uns noch den Unsterblichkeitsschauder, der uns angeblich von den Tieren unterscheidet. Sie ist alles, was wir haben. Und so wirken viele Erwachsene, als seien sie im Lauf ihrer Jahre verzweifelt an der Lebensaufgabe, ein liebender und geliebter Mensch zu werden. Navid Kermani, 40, in Köln wohnender deutschiranischer Islamwissenschaftler und Schriftsteller, hat im Jahr 2005 im Ammann-Verlag einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die von der unaufhörlichen Prüfungssituation handeln, in welche uns dieser Liebesbegriff versetzt. Der Band heißt Du sollst und spielt auf der Basis der zehn biblischen Gebote Situationen des alltäglichen Liebeslebens durch. Kermani wuchtet gleichsam die Gesetzestafeln Gottes in die Schlafzimmer von heute. Er zeigt, wie das Gesetz in unseren Liebesbeziehungen überlebt und unter uns wütet. Das erste Kapitel – Ich bin dein Gott – bietet den Dialog eines Liebespaares. Ein Mann macht sich zum Gott seiner Partnerin: »Sag, dass ich dich ficken soll.« – »Fick mich.« – »Sag, dass ich dein Mann bin.« – »Du bist mein Mann.« – »Sag, dass niemand so gut fickt wie ich.« – »Niemand fickt so gut wie du.« Das zweite Kapitel – Habe keine fremden Götter vor Meinem Angesicht. Mache dir keinen Götzen noch ein Bildnis – erzählt davon, wie ein Mann während des Liebesaktes mit seiner Partnerin sich im Kopf eben doch ein Bild macht: das Bild einer anderen Frau, mit der er eine irreale, aber tiefere Liebe erlebt. Das dritte Kapitel – Erhebe nicht Seinen, deines Gottes Namen zu Nichtigem – belauscht ein Liebespaar dabei, dass der Mann seiner Geliebten verbietet, das Wort »Liebe« zu sagen (denn es ist das höchste Wort, man muss es verschweigen). Kapitel fünf – Ehre Vater und Mutter – berichtet davon, wie Mann und Frau ein Kind zeugen – vorgeblich aus Liebe zu den Eltern, die in ihrem Enkelkind weiterleben sollen. Es kommt zu Verstümmelungen, symbolischen Morden, Folterungen. So untersucht Kermani die Kriegskunst und die Mimikry der Liebe. Nichts ist, wie es scheint; hinter jedem glücklichen Paar tut sich ein grausiges Hinterland aus Wahnsinn, Verrat, Missverständnissen und Einsamkeit auf. In der Liebe geschieht nichts ohne Eigennutz (»dass er sie begehre, hatte er wiederholt, damit sie es ihm endlich sagen würde«), die Umarmung ist eine Falle, und selbst der Orgasmus kann eine Lüge sein, ein Moment der Flucht und verzweifelten Notwehr. Peter Sloterdijk hat die modernen Menschen als »Orgasmusnarren« bezeichnet. Das sind Wesen, die ihr Leben nur noch meistern, wenn sie regelmäßig von Ekstasestromschlägen vorangepeitscht werden. Kermanis Leute sind noch schlimmere Narren: Sie wollen aus den Schlägen, die sie erhalten, eine Sprache herauslesen. Sie wollen den Orgasmus verstehen und sich seiner als würdig erweisen. Sie erkennen den ganzen Liebesbetrieb als ein uraltes Gleichnis, in dem sie nun eben selbst mitspielen und durch das sie hindurch müssen. Der strenge Ernst von Prüflingen ist ihnen anzumerken. Sie fühlen sich, während sie miteinander intim sind, von der ganzen Gattung beobachtet und auf die Probe gestellt. Der Regisseur Stefan Otteni hat mit seinen Dramaturginnen Ina Schott und Sonja Bachmann Kermanis Erzählungen ins Szenische aufgelöst, indem er sie von seinen fünf Schauspielern in verteilten Rollen und Portionen sprechen lässt. Die Figuren des so entstandenen Stücks heißen wie seine Schauspieler: Frank (Büttner), Carmen (Dalfago), Christian (Kerepeszki), Oktay (Khan) und Katharina (Linder). Ottenis fünf Spieler sind typische Vertreter des gängigen »So tun, als spielte man einen Schauspieler, der des Spielens überdrüssig ist«- Theaters: Es sind keine Darsteller mehr, sondern lebende Positionslichter auf einer Textfläche. Schauspieler stellen Figuren dar, die davon gehört haben, was andere Figuren erlebt oder erzählt haben. So entsteht ein Chor der Hörensager, der nicht dabei gewesenen Zeugen und Gerüchtestreuer. Anders lässt sich offenbar über diesen sagenhaften Zustand, die Liebe, nicht reden; spielen kann man ihn schon gar nicht. Was also geschieht? Raunende Rekonstruktion von Verstrickung und Liebesakt: Ein Koitus wird umrundet; ein Orgasmus wird besichtigt. »Dass ihr rechtes Knie zuckte, deutete er als Einladung, es zu liebkosen.« – »Dabei hatte ihr Knie in die Höhe gewollt, um seinen Lippen auszuweichen.« – »Sie ahnte, eine Elle unter seinem Geschlecht, wie es in der Hölle wäre.« So sprechen die zwei Frauen und zwei Männer, die in Unterwäsche auf einem Flokatiteppich lagern, der die Bühne bedeckt. Ein dritter Mann wandert voll bekleidet am Rande des Teppichs. Die Halbnackten haben sich wie Jäger niedergelassen auf die Knie, in die Hocke. Das Tier, dessen Spuren sie lesen und das sie erlegen wollen, ist von Botho Strauß als »das Tier mit den zwei Rücken« bezeichnet worden – es ist das menschliche Liebespaar. Sommernachtstraum, später. Im Zauberwald hat sich die Selbsterfahrungsgruppe niedergelassen. Fein sind die Tonfälle abgestimmt, fließend gehen die Bewegungen ineinander über; dies ist ein todessteriler, sterbensvernünftiger Abend über die Liebe. Körperliche Hitze wird mit den hitzeresistenten Backhandschuhen des Imperfekts angepackt. Nichts kommt mehr frisch aus der Küche, von der ein englisches Sprichwort sagt, man solle sie meiden, wenn man die Glut des Ofens nicht ertrage. Navid Kermani hat in seinen Erzählungen versucht, durch unerbittliche Genauigkeit so etwas wie eine höhere, jenseitige Erotik aufscheinen zu lassen: Wenn wir lieben, treten wir in einen uralten Zusammenhang, in einen heiligen Bezirk, den die Ahnen für uns gerodet und festgetrampelt haben. Verrat und Auslöschung sind bei Kermani so nah und plausibel wie Glück und Ekstase. Oft fühlt man sich, wenn man seine Szenen der Liebe liest, als erlebe man die Momente vor einem Mord. Beispielsweise hier: Mann und Frau liegen nebeneinander im Bett, beide tun so, als schliefen sie, beide sind auf trostlose Weise wach. Der Mann masturbiert, die Frau lauscht und hört seine leisesten Bewegungen. So belauern sich diese beiden nächtlichen Systeme und werden einander zu Feinden. Es herrscht die Diplomatie des angehaltenen Atems, das Elend der verstohlenen Ekstasen. In Stefan Ottenis Theaterversion erleben wir die verstohlenste Ekstase als öffentliche Verhandlung. Wollust wird zu einer schockierend freudlosen Angelegenheit. Umarmung, Kuss, Erguss – all das reiht sich zu einer Kette von weithin sichtbaren Weltraummanövern, zu Andockabenteuern zwischen Wesen, die frei in einem kalten All schweben und fürchten, sie könnten ins Bodenlose stürzen. Otteni macht Ensemblekabarett ein: Man sitzt nebeneinander und spricht lakonisch in den Saal. Zu hören sind vor allem Monologe, Paraphrasen des üblen Männerspruchs, Sex bedeute, in einen anderen Menschen hineinzumasturbieren. Ungefähr 100 Millionen Geschlechtsakte sollen zwischen den Menschen auf der Erde täglich stattfinden, so stand es kürzlich in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Im Lichte von Kermanis Texten las man diese Zahl mit einer gewissen Traurigkeit: 200 Millionen harte Arbeiter, die vergeblich um Erlösung schuften. Wenn man nun noch Ottenis Stück sieht, gewinnt die Zahl eine geradezu schauderhafte Dimension: 200 Millionen, ein Weltchor der nacherzählten Lüste! Was für ein höllisches Geschwätz! Am Schluss dieses Berliner Theaterabends schaltet sich auf dem Kunstrasen, den der fünfte Schauspieler, um einmal etwas Sinnvolles zu tun, im Bühnenhintergrund verlegt hat, ein Rasensprenger an. Eine Fontäne bäumt sich auf zu einem glitzernden, sprühenden Wasserbogen. Der Bogen ist in Ottenis Aufführung das Symbol und der letzte Rest der nichterzählten Welt, das Portal zu jenem Paradies, aus dem wir uns selbst vertrieben haben.