04.03.2007 – Menschen im Getriebe des tristen Alltags

Pressespiegel

 

04.03.2007 – 
Menschen im Getriebe des tristen Alltags

Olga Pona und ihre Tänzer erzählen im Pumpenhaus von Liebe, Entfremdung und Angst Münster. Leise rieselt der Schnee. Wie eine tröstliche Decke legt er sich auf die zu Eissäulen erstarrten Tänzer. Mit ihren gehäkelten Kopftüchern und den riesigen Filzstiefeln sehen diese aus wie bunte Babuschkas. Russland – ein Wintermärchen? Ein Russland im Zauberschlaf des ewigen Wartens? Olga Pona wäre nicht Olga Pona, wenn ihr finales Schneekugel-Idyll im Pumpenhaus nicht frostig und wärmend zugleich hereingeschneit käme. Es trügt und tröstet zugleich. Wie immer, wenn die russische Choreographin vom Ural die Befindlichkeiten ihrer sibirischen Heimat in surreale Bilder bettet. Wenn sie den rauen Alltag poetisiert und transzendiert als blinzle Meisterregisseur Andrej Tarkowskij mit durch jenes Fenster, dessen Permafrost drei Frauen in einer früheren Szene mit fratzenhafter Attitüde von der Scheibe wischen. Komisch sehen sie dabei aus und dennoch schrecklich verloren. Wie die drei Tänzerinnen, die dem Bungee-Seil entfliehen wollen. Immer wieder schleift es sie zurück. Fliegen ist zwecklos, Bruchlandung programmiert. Vergeblicher Aufbruch in eine bessere Zukunft oder Flucht? Pona hält solche Fragen spielerisch in Schwebe. In „Waiting“, dieser Tanz gewordenen Überlebensstrategie, ebenso wie in „The other side of the river“. Auch hier spricht Pona weder von Hoffnung noch von Botschaften. Pona erzählt. Von Liebe, von Entfremdung und von Angst. Immer wieder wird der Warteraum zum Maschinenraum. Und die Tänzerinnen und Tänzer des Chelyabinsk Contemporary Dance Theater zu geheimnisvollen Automaten, deren Bewegungen, angetrieben von den hektischen Atemstößen, den mechanischen Rhythmen der Musik, wie Zahnräder ineinander greifen. Man fühlt sich erinnert an Charlie Chaplin, wie er in „Modern Times“ ins Getriebe der Neuzeit gerät, zerquetscht zu werden droht und dann auf wundersame Weise empor getragen wird. In Ponas janusköpfigem Kosmos, in dem nichts mehr zurück kann, wo es herkommt, aber auch nie dort anlangt, wo es hin will, scheint jede Zuneigung gleichzeitig Abstoßung, jede Umarmung ein Bekriegen, jede Hingabe Widerborstigkeit zu sein. Jede subtil sich wandelnde Gruppierung dieser ineinander verhakten Körper ist nur ein ebenso hartnäckiges wie vergebliches Aufbegehren. Auf Bügel- oder Rollbrettern fliehen die jungen Männer aus der Tristesse des Alltags. Doch es bleibt ein Ausbruch in der Fantasie, ein Wodka geschwängerter Traum. Wie jene Ballnacht in geborgten Kleidern, die aus den armen Schluckern in der Wäscherei enthemmte Partylöwen auf einem anachronistischen Relikt der Zarenzeit macht. Doch hinter dem feurigen Don-Kosakenritt rollt dampfend das Bügeleisen in den nächtlichen Spot.