25.01.2007 – Deutschland, uneinig Theaterland

Pressespiegel

 

25.01.2007 – 
Deutschland, uneinig Theaterland

Münster. Was die beiden Herren über die Unterschiede zwischen Kino in Ost und West erzählen, ist klug, differenziert und aufschlussreich. Dass sie ihre Ausführungen mit unbeholfenen Tanz- und Gymnastikübungen begleiten, wirkt allerdings befremdlich. Was man sieht, will nicht so recht zu dem passen, was man hört. Aber das ist eben Theater. Ausgezeichnetes in diesem Fall sogar.Im Westen keine WendeFrank Heuel, Kopf des Bonner Fringe Ensembles, hat für „Geschichten+“ Menschen aus Ost- und Westdeutschland über ihre Wünsche, Hoffnungen und Ängste befragt und das Ergebnis als dokumentarisches Theater auf die Bühne gebracht. Vorgestellt werden sechs sehr unterschiedliche Lebensläufe, bei denen eines auffällt: Für die Protagonisten aus dem Westen hat die Wende so gut wie keine Rolle gespielt, während sie für alle Beteiligten aus dem Osten ein gravierender Einschnitt war.Die mit dem Theaterzwang- Preis 2006 ausgezeichnete Inszenierung bewegt sich zwischen Authentizität und Verfremdung. Das Knistern von Schallplatten untermalt die Kindheitserinnerungen einer älteren Dame, und ein arbeitsloser Werkzeugmacher kritzelt mit Kreide die Bühne voll wie ein Wissenschaftler, der die Weltformel herleitet. Ein Rentner-Ehepaar beschwört sein kleines Reihenhausglück, während ein ehemaliger Fremdenlegionär gut gelaunt von seinem Herzinfarkt erzählt und ein Bier bestellt.„Geschichten+“ zeichnet die Innenansicht einer Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet. Bühneneffekte wie überdeutliche Artikulation, chorisches Sprechen, optische Täuschungen oder die Aufspaltung einzelner Figuren in mehrere Schauspieler erzeugen eine eigenwillige Komik, die aber nie auf Kosten der Interviewten geht. Ein sehenswertes Stück, das Anspruch und Unterhaltung auf originelle Weise verbindet.Helmut Jasn