25.01.2007 – Gefangen im Dickicht des Lebensplans

Pressespiegel

 

25.01.2007 – 
Gefangen im Dickicht des Lebensplans

Münster. „Ich glaube, wir sind bald durch“, eruiert Uwe mit dem selbstzufriedenen Blick eines Philisters, der seinen Unterrichtsstoff in Rekordzeit durchgepaukt hat. Seine riesige Kreidetafel ist mittlerweile vollgekritzelt. Mit skurrilen Diagrammen, Abkürzungen und Zahlen, mit denen Uwe zuvor nichts weniger als sein Leben zu strukturieren versuchte. Ein Lebensbericht im Schnelldurchlauf, raumgreifend reduziert auf jene „Lebenszeichen“, deren Logik den wild wuchernden Assoziationen seines deutsch-polnischen Schicksals zu folgen scheinen. Man muss stinknormalen Menschen einfach zuhören und sie plaudern lassen. Dann verraten sie einem zwischen all dem assoziativen Wildwuchs ihr Leben. Das wusste nicht nur Ute Diehl, als sie ihre „Fussbroich“-Doku drehte. Auch das Fringe-Ensemble ließ den kleinen Mann nach Herzenslust palavern. Genauer: den kleinen Mann zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West. Heraus kamen die mittlerweile preisgekrönten „Geschichten +“. Geschichten über Deutschland, wie es hofft und bangt. „Das Plus“, weil das Bonner Ensemble diese freimütigen Lebensbeichten auf der Pumpenhausbühne zwar wortwörtlich wiedergibt, diese aber in seine charakteristische Bühnensprache übersetzt. Mit jenen ins Groteske gesteigerten Verfremdungen und Doppelungen, die zu viel Authentizität auf der Bühne erträglich machen und die Konzentration aufs Wesentliche lenken. Und die aus einem kühl kalkulierenden Lebensplaner wie Uwe einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs- Grundriss macht. Dorthin zieht sich Uwe alias Georg Lennarz zurück, wenn er mal gerade keine Spuren auf der Tafel hinterlässt. Seine „Schüler“, die Besucher, folgen ihm und all den anderen Plaudertaschen auf Drehstühlen, wechseln also auch im wahrsten Sinne immer wieder die Perspektive, wenden ihre Blicke auf jene riesige Leinwand, auf der Uwe plötzlich in Vogelperspektive von einer Anekdote in die nächste Banalität zappt. Bis später Bettina Marugg und Laila Nielsen in der raffinierten Projektionskiste von Bühnenbildner Eduardo Seru die doppelte Else geben, die sich naiv ihr Leipziger Allerlei erklärt und dabei ausschaut wie eine geklonte Marionette. Zwischendurch schieben sich immer wieder David Fischer und Laila Nielsen als altes Ehepärchen ins Bild. Das bestärkt sich in seinen Erinnerungen stets mit einem synchronem „Ne“. Dennoch: Regisseur Frank Heuel macht sich nicht lustig. Stets bewahren seine Figuren ihre Würde. Tragisches schimmert durch diese sehr eindringlich und konzentriert dargebotenen biografischen Bruchstücke. Ohne die subtil choreografierten Doppelungen, ohne den wohl dosierten Slapstick, das chorische Durcheinander, ohne die kuriosen Subtexte der Körper wäre das gut zweistündige Geschwätz auch wohl kaum zu ertragen. Nur Hardcore-Fans schaffen schließlich vier Folgen „Fussbroichs“ nonstop?.?.?. Der kühl kalkulierende Lebensplaner Uwe macht aus sich einen Gefangenen im Dickicht aus chaotischem Pfeildiagramm und streng umzirkelten Wohnungs-Grundriss.