04.12.2006 – Orpheus Audio Splatter – ein Musiktheaterdialog von Andreas Tiedemann

Pressespiegel

 

04.12.2006 – 
Orpheus Audio Splatter – ein Musiktheaterdialog von Andreas Tiedemann.

Zu groß scheint sein Leid, zu bitter sein Verlust. Was bleibt, ist Stammeln. Orpheus krächzt und gurgelt, er zischt und grunzt, röchelt und krächzt. Sprachfetzen, Phoneme und kehlige Laute – sie scheinen das einzige, was dem einstigen Chartstürmer der Antike nach dem endgültigen Verlust seiner geliebten Euridike geblieben ist. Das spätmoderne Musiktheater der Ohrpiloten erzählt keine Geschichte mehr. Es kennt nur noch die Gebrochenheit des mythischen Helden. Was zählt, ist die Innenschau des einsamen Individuums. Darum beginnt ihr Stück ?Orpheus Audio Splatter? gleich mit der Katastrophe: Ein von den Mänaden zerrissener und zerfleischter Orpheus bleibt auf der Pumpenhaus-Bühne zurück. Mit dem amerikanischen Vokalakrobaten David Moss hat Regisseur Andreas Tiedemann einen Orpheus gefunden, der dieser zerrissenen Seele Klang verleiht. Moss braucht keine Lyra. Er macht aus gestotterten Silben Musik. Ein lautmalerisches Lamento der fragmentierten Laute, ganz nah am puren Geräusch, das die Ohrpiloten dann zu dem Titel gebenden Splatter verstärken, verdoppeln oder verwandeln. Um den Zuhörer immer tiefer in die innere Unterwelt ihres gescheiterten Helden zu führen. Ganz ohne Charon, den mythischen Fährmann. Ihre inneren Monologe fügen sich zu düstren Gesten der Beklemmung und der Ausweglosigkeit oder schwingen sich sirrend auf zu einem Ton schmerzlichen Sehnens. Die im Mythos beschworenen Tiere, Pflanzen und Steine wirbeln in Dolby Surround durch den Raum. Sie strömen wie der Todesfluss Styx in die Gehörgänge. Über seine Abgründe schippert Moss auf seinem trapezähnlich stilisierten Floß. Über Wörter und Wortfetzen von Ovid bis Vergil, die immer wieder wie Wellen über den Bühnenboden irrlichtern. Immer mehr löst sich diese suggestive, nachtschattige ?Kammeroper? ins Gestaltlose auf. Bis Orpheus gebetsmühlenhaft den Namen seiner geliebten Euridike rhythmisiert. Dann kristallisiert sich aus dem Lautsalat ganz allmählich das ?Che farò senza Euridice? aus Glucks versöhnlicherem Schwesterwerk. Wenn auch nur als verzerrt raunendes Schallgewitter. Dennoch klingt es wie ein ferner Abgesang: ?Wohin nur ohne Euridike?? Wohin, wenn selbst die Stimme versagt? Der Rest ist Schweigen. Markus Küper