22.11.2006 – Am Ende ist die Bühne selbst das Buch

Pressespiegel

 

22.11.2006 – 
Am Ende ist die Bühne selbst das Buch

Münster. Fünf beschriebene Plexiglasscheiben hängen wie futuristische Druckbögen oder überdimensionale Buchseiten links von der Bühne im Theater im Pumpenhaus. Ansonsten verweist nichts der kargen Ausstattung (Eduardo Seru) auf die Opulenz, die in den kommenden vier Stunden folgt. In Hundert Jahre Einsamkeit wird geliebt, gehurt, gezeugt, gemordet, gekämpft und gestorben. Um der Saga der Familie BuendÌa durch sieben Generationen hindurch folgen zu können, halten viele Zuschauer bei der Münsterpremiere am Samstagabend den im Programm abgedruckten Stammbaum auf dem Schoß. Der Roman von Gabriel GarcÌa Marquez ist ein Familienepos, das der Nobelpreisträger mit einer bildreichen, nahezu biblischen Sprache erzählt. Dieser barocken Opulenz setzt die Produktionsgemeinschaft fringe ensemble/phoenix5 unter der Regie von Frank Heuel eine bewusst schlichte Inszenierung entgegen. Die darstellerischen Elemente sind auf ein Minimum reduziert, die Sprache steht im Mittelpunkt des zumeist erzählten Geschehens. Symbolische Handlungen und gezielter Technikeinsatz unterstreichen den Vortrag, der mal einzeln, mal im Duett oder chorisch gesprochen wird. So schaukelt Laila Nielsen an einem Seil über der Bühne, während sie eine Braut verkörpert, die ob ihres ausbleibenden Bräutigams buchstäblich in der Luft hängt. Wenn von Bürgerkriegen oder Arbeiteraufständen erzählt wird, kommen die Stimmen vom Band oder werden elektronisch verstärkt, wodurch sie lauter und bedrohlicher werden. Die familiären Verflechtungen, die Marquez durch immer wiederkehrende Namen ins schier Undurchdringliche steigert, findet ihren Höhepunkt in den Zwillingen JosÈ Arcadio (David Fischer) und Aureliano Segundo (Georg Lennarz). In dieser Inszenierung stehen sie stets Hand in Hand auf der Bühne und verhaspeln sich wunderbar komisch bei den Personalpronomen. Bettina Marugg, die vor allem Mutterfiguren verkörpert, während Nielsen in leuchtend roten Gummistiefeln fürs Laszive zuständig ist, begeistert das Publikum mit eruptiven, fast geschriebenen Emotionsausbrüchen. Im Kontrast dazu steht JosÈ Arcadio BuendÌa (Harald Redmer), der Stammvater, der noch als Toter, aus einer Kunststoffröhre heraus, das Geschehen ruhig berichtet. Zum Ende des Stücks werden die transparenten Buchseiten in einem rituellen Akt auf die Bühne gelegt. Daraus lesen die Schauspieler die letzten Seiten des Romans vor die Bühne selbst ist zum Buch geworden. Von Frank Zimmermann in den Westfälischen Nachrichten ( 30.10.06)