03.11.2006 – Kolossale Machos, frömmlerische Frauen

Pressespiegel

 

03.11.2006 – 
Kolossale Machos, frömmlerische Frauen

Das fringe ensemble bringt den Roman „100 Jahre Einsamkeit“ im Theater im Ballsaal in Bonn-Endenich auf die Bühne – Regisseur Frank Heuel konzentriert das epochale Werk auf knapp viereinhalb Stunden Spielzeit Von Margit Warken Bonn. Allein die Menge an Text ist eine riesige Herausforderung, der sich das fringe ensemble mit seiner neuen Produktion stellt. Und eine, die die Truppe um Regisseur Frank Heuel eindrucksvoll stemmt Die freien Theatermacher haben sich den Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ vorgenommen und feierten mit ihrer Bühnenumsetzung im Endenicher Ballsaal Premiere. Das Werk des Kolumbianers Gabriel García Márquez erzählt die Geschichte der Familie Buendía. Ein Wechselstrom von Siegen und Niederlagen, hochmütigem Stolz und Verzweiflung, unbändiger Vitalität und Untergang – häufig verstanden als Allegorie auf die Geschichte Lateinamerikas. Anekdotenreich zeichnet der 500-Seiten-Bestseller ein Panorama des fantastischen Örtchens „Macondo“, wo sich die Sippe niederlässt. Anstatt einer inhaltlichen Verknappung des prallen Buches ging es dem Ensemble, das verschiedene Kooperationspartner für das Projekt gewonnen hat, erklärtermaßen um die Gestaltung eines „Theaterabends der besonderen Art“. Ein gelungenes Vorhaben, denn außergewöhnlich ist die Inszenierung aus verschiedenen Gründen. Um sie genießen zu können, muss man sich darauf einlassen. So zum Beispiel auf eine Länge von knapp viereinhalb Stunden (inklusive zweier Pausen), auf die Heuel die wesentlichen Handlungsstränge konzentriert hat. Fünf Schauspieler erzählen die Geschichte der Buendías, einer „halb wahnsinnigen, unbändigen Meute von kolossalen Macho-Helden und hysterischen oder frömmlerischen Frauen“, wie es der peruanische Literaturwissenschaftler José Miguel Oviedo treffend beschreibt. Eine feste Rollenzuteilung gibt es nicht, allein schon deshalb, weil die auftretenden Figuren die Zahl der Akteure um ein Vielfaches übersteigt. Immer wieder erscheinen neue „Arcadios“ und „Aurelianos“ (David Fischer, Georg Lennarz und Harald Redmer) aus verschiedenen Generationen auf der Bühne. Denn so nennen die Frauen (Bettina Marugg und Laila Nielsen), einer geheimen Macht gehorchend, alle ihre Söhne. Um die Verwirrung, die aus der Häufung gleicher Namen resultiert, in Grenzen zu halten, gibt es im Programmheft einen Stammbaum der Familie. Strukturiert wird die enorme Stofffülle durch die Erzähler- Figur, die stärkste Rolle, die alle Akteure – mal solo, mal chorisch – ausfüllen. Archaische Mythen und verdeckte Wahrheiten bestimmen die Welt des Stückes. Diese wird häufig durch absurd-komische Bilder durchbrochen. Etwa, wenn tragische Helden aus vergangenen Jahrhunderten zu Barkeepern nach modernem Vorbild werden. Das Bühnenbild (Eduardo Seru) setzt auf die Fantasie der Zuschauer und kommt ohne viele Kulissen aus. Im Mittelpunkt der Inszenierung steht der Text und die starke Leistung der Schauspieler. Das reicht vollkommen aus, um das Publikum in die Geschehnisse von „Macondo“ hineinzuziehen. Nach so viel guter „Vorarbeit“ ist die Schlussszene richtig berührend: Die Buendías legen Rechenschaft über ihr Scheitern ab, was bleibt ist die Zerstörung ihrer Welt – das Ende eines besonderen Theaterabends, nicht nur, was das Format betrifft.