18.10.2006 – Shosholoza

Pressespiegel

 

18.10.2006 – 
Shosholoza

Was bleibt, sind die Gummistiefel. Auch wenn diese jetzt wie Relikte in zerfetzten Netzstrümpfen stecken. Auch wenn sie jetzt gestreift sind wie ein Zebra. So gestreift wie die viel zu kleine Krawatte, die zwar vorzüglich zu den knappen Schulmädchen-Uniformen, aber so gar nicht zu den kraftmeierischen Gesten dieser südafrikanischen Township-Tänzer passen wollen. Gemeinsam mit den weiß geschminkten Gesichtern aber komplettieren sie das Outfit dieser jungen Männer zur grotesken Gestalt. An die Worker-Kluft des Anfangs erinnert nicht mehr viel, wenn Mandoza Redebes ?Corroboration? die Tradition des ?gumboot dance? im Pumpenhaus augenzwinkernd ins Hier und Jetzt übersetzt. Der Umgang mit der Vergangenheit ist ironisch geworden. Der Tanz zur Travestie. Die Apartheid zur Avantgarde. Der Gummistiefel-Tanz zum Folklore-Spektakel a là ?Lord of the Dance?. Dabei spannt ?ShoSholoza?, diese athletisch-rhythmische Schuhplattler-Invasion aus Johannesburg, eindrucksvoll die Brücke zu jener Zeit, in der diese spezielle Form des Ganzkörper-Morsens die einzige Möglichkeit der Kommunikation war, die den versklavten Minenarbeitern in den wassernassen Stollen der Goldminen blieb. Not macht bekanntlich erfinderisch. Wem das Sprechen versagt ist, der muss halt Steppen. Selten hat das mehr Magie als beim ?gumboot dance?, der tatsächlich ein bisschen so aussieht, als hätten missionarische Bajuwaren ihren berühmten Schuhplattler einst als Exportschlager für Südafrika entdeckt. Da stampfen die Stiefel in immer wilderen Rhythmen auf den Boden, die Hände klatschen wie Peitschenhiebe aufs Gummi. Der ganze Körper wird zum Instrument. Ob dieser lautmalerisch die Titel gebende Dampflok (ShoSholoza) zur Maloche oder den Aufbruchs- Zug in ein neues, freies Südafrika imitiert, in dem lustvoll der Hip- Hop-Beat der Township-Kids angeschlagen wird. Immer wieder mischen sich vereinzelt spitze Schreie unter den synchronen, in immer neuen Formationen vorbeirauschenden Sog dieser virilen Bewegungssprache. Oder sehnsuchtsvolle Lieder voller Schmerz und Hoffnung. Dann streuen Trommel und Akkordeon melancholische Klänge ein. Zwei Sängerinnen singen alte Zulu-Lieder. Die Tänzer machen den Chor. Die Welt scheint für einen Augenblick still zu stehen. Der Rhythmus dieses rituellen Rausches aber – er schlägt noch lange weiter. Markus Küper