31.05.2006 – Das Absurde im Klassiker

Pressespiegel

 

31.05.2006 – 
Das Absurde im Klassiker

Tausende runder Papierfetzen tänzeln im Rampenlicht, sammeln sich auf dem grau marmorierten Bühnenboden und werden von zwei Schauspielern gnadenlos weggefegt. Blütenblätter sollen das sein, von Kirschbäumen. Denn nicht nur in der Natur schwebt zur Zeit allerlei Buntes durch die Luft – auch das Theater widmet sich dem Frühling. Mit dem „Kirschgarten“ von Anton Tschechow bringt das Bonner fringe ensemble pünktlich zur hellgrünen Jahreszeit eine Adaption heraus, in dem viel von blühenden Bäumen die Rede ist, in Wirklichkeit aber nicht nur die Papierfetzen fliegen. Das fringe ensemble? So einfach ist die Sache nicht. Die Inszenierung (Regie: Frank Heuel) trägt den Untertitel „Eine deutsch-lettische Annäherung“ und ist eine Koproduktion. Im Rahmen der landesweiten Veranstaltungsreihe „scene: estland lettland litauen in nrw“ haben die Gruppe phoenix5 aus Münster und das Theater der lettischen Stadt Valmiera zusammen mit dem Ensemble eine ironisch-groteske, zweisprachige Version des Klassikers erarbeitet, die nach Aufführungen im Bonner Theater im Ballsaal noch im Düsseldorfer FFT, im Pumpenhaus Münster und danach in Lettland zu sehen ist. „Der Kirschgarten“ von 1904 ist Tschechows letztes Werk. Der Autor nannte das Stück eine Komödie, doch wirklich witzig ist es in seinem Wechselspiel aus verzweifelter Heiterkeit und lähmender Lethargie nicht: Eine adlige Witwe kehrt aus Paris auf ihr Gut in der russischen Provinz zurück. Das Gut steht unmittelbar vor der Zwangsversteigerung, doch die Witwe und ihre Familie leben weiterhin auf großem Fuß. Eine Lösung wäre, den zum Haus gehörenden Kirschgarten abholzen zu lassen und das Land an Sommergäste zu verpachten. Doch das kommt nicht in Frage – schließlich ist der Garten so berühmt, dass er sogar im Lexikon steht. Andere Auswege werden vorgeschlagen, zerredet, verworfen, doch es passiert – wie so oft bei Tschechow – nichts. Außer dass am Tag der Versteigerung ein glanzvoller Ball im Gutshaus stattfindet. Dann kommt die Nachricht: Ein Geschäftsmann hat das Gut ersteigert – der Sohn eines ehemaligen Leibeigenen der Familie. Draußen fällen Arbeiter die ersten Bäume. Tschechows wenige Jahre vor der russischen Revolution entstandenes Drama enthält Sätze von großer sozialer Sprengkraft. Der in unzeitgemäßen Ritualen erstarrten Adelswelt, deren poetisches Symbol der Kirschgarten ist, stellt der Dichter die Sphäre eines Besitzbürgertums gegenüber, das die Regeln der neuen Zeit bestimmt. Das Thema der zwei Welten bietet sich an für eine Theaterproduktion, die zwei Länder verbinden soll. Bei Tschechow sprechen Adel und Bürgertum nur metaphorisch verschiedene Sprachen – die Akteure bei Frank Heuel tun es tatsächlich: Vier deutsche und vier lettische SchauspielerInnen kommen zum Einsatz in dieser bewusst ins Grotesk-Komische verzerrten Inszenierung, die den angestaubten Klassiker mit Wucht in die moderne Welt des Regietheaters katapultiert. Übertitel begleiten das zweisprachige Bühnenspiel, auch wenn mitunter simultan übersetzt wird oder die Sprachen sich vollends mischen. Feste Rollen gibt es nicht: Passagenweise tragen die Akteure den Text aller Figuren vor, nur der Zusammenhang verrät, wer gerade spricht. Ansonsten lebt die Inszenierung von allem, was zeitgenössisches Theater so ausmacht: geschickt choreografierte Bewegung, schrille Kostümen, der effektvollen Beleuchtung und den immer wieder neuen Kapriolen in der Intonation. Die Zweisprachigkeit ist für die Schauspieler eine riesige Herausforderung, die sie mit Bravour meistern: Stimmig und als Bild sehr beeindruckend wirkt es, wenn der Text die idyllische Vergangenheit auf dem Gut beschwört, während Intonation und Bewegungen die Szene in ein Gebet verwandeln. Ein Abend also, der regietechnisch originell und schauspielerisch ausgezeichnet daher kommt – und der trotz all seiner Sinnlichkeit eher den Intellekt anspricht. Denn ein Sich-hinein-Versetzen ist kaum möglich, wo es keine festen Figuren gibt. Aber vielleicht soll der Zuschauer ja auch eher denken als fühlen. Immerhin geht es um Geld und nicht um Blüten. taz NRW vom 10.5.2006, HOLGER MÖHLMANN