31.05.2006 – Tschechows Kern

Pressespiegel

 

31.05.2006 – 
Tschechows Kern

Im dunklen Gewand begrüßt der Schauspieler David Fischer die Zuschauer. Er erklärt, welchen Kunstgriff sich die Theatermacher ausgedacht haben. Die Darsteller haben nicht die Rollen von Tschechows Kirschgarten untereinander verteilt, sondern den puren Text, egal, wer gerade spricht. Der Gedanke ist kaum gesackt, da ist Fischer schon mittendrin im Stück, spricht die Gutsbesitzerin Ranjewskaja und den Kaufmann Lopachin, die Jungen und die Alten, die Gäste und den Diener. Im präzis pointierten Plaudern entsteht das dichte Bild einer Gesellschaft, die ihre Angst und Lebensunfähigkeit wegplappern will. Gerade durch den Verzicht auf psychologisch nachvollziehbares Personal dringt die Inszenierung zum Kern Tschechows vor. David Fischer beginnt, im Kreis zu laufen, die Stimmung erhitzt sich, schließlich schießt aus den Ärmeln seines Mantels Konfetti, das wie Kirschblüten aussieht. Oder auch wie Sägespäne, die aus einer kaputten Puppe rieseln. Nach diesem großartigen Solo, mit dem Frank Heuels Inszenierung des Kirschgartens beginnt, müsste die Spannung eigentlich abfallen. Doch das geschieht nicht. Acht Schauspieler – die Hälfte vom Bonner fringe ensemble, die andere Hälfte vom Stadttheater im lettischen Valmiera – sprechen die Tragikomödie weiter, konzentriert, ganz bei sich und jederzeit auch im Kontakt zu den anderen. Die Bühne von Lisa Witzmann ist bis auf acht Stühle fast leer. Samoware stehen im Hintergrund und hängen in der Luft, sie sind die einzige optische Erinnerung ans alte Russland. Es geht um die Gegenwart. Ein lettischer Schauspieler geht auf das Publikum zu. Er hat eine Konfetti-Kirschblüte in der Hand. „Kirschgarten so klein“, sagt er, „und Russland…“ Nur ganz kurz verharrt er. In diesem Augenblick steckt ein ganzes Lebensgefühl. Der lettisch-deutsche Kirschgarten ist Teil des Festivals „scene: estland lettland litauen in nrw“, das auf mehrere Städte zersplittert ist und wenig mediale Beachtung findet. Die Zusammenarbeit des fringe ensembles mit lettischen Schauspielern, die bisher fast ausschließlich Sprechtheater in der Stanislawski-Tradition gewohnt waren, ist ein Beweis, was für Potenzial in solchen Projekten stecken kann. Tschechows Text klingt wie ein großes Gedicht, durch die Zweisprachigkeit entsteht eine ganz eigene Musikalität. Die Konflikte treten deutlich hervor in einer leichten, spielerischen aber niemals sinnlos verspielten Ästhetik. Im kleinen Raum schafft Regisseur Frank Heuel immer wieder überwältigende Bilder, die Samoware dampfen, das Ensemble tanzt, der Mond geht auf. Und alle leben weiter. Forum Freies Theater, Düsseldorf: 12. und 13. Mai. Theater im Pumpenhaus, Münster: 17., 18., 19., 20. und 21. Mai. Valmieras Dramas teatris: 28., 30., 31. Mai. Jaunais Rigas teatris: 2. Juni. www.fringe-ensemble.de www.scene-festival-nrw.de