22.05.2006 – „Der Kirschgarten“ im Pumpenhaus

Pressespiegel

 

22.05.2006 – Münstersche Zeitung
„Der Kirschgarten“ im Pumpenhaus

Münster – Die Gutsherrin Ranjewskaja hat einen prächtigen Kirschgarten, der nicht mehr rentabel ist. Also bietet ihr der geschäftstüchtige Unternehmer Lopachin an, die Bäume abzuholzen und das Areal an Sommergäste zu verpachten. Damit formuliert er den Grundkonflikt, an dem sich die Protagonisten in Münsters Pumpenhaus anderthalb Stunden lang abarbeiten: Ist die Schönheit nichts weiter als ein überkommener Wert, der sich dem Zweckdenken einer neuen Zeit unterordnen muss? Diesen Konflikt treibt Frank Heuel durch einen Kunstgriff auf die Spitze. In seiner ebenso radikalen wie amüsanten Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ gibt es keine festen Rollen. Jeder der acht Schauspieler übernimmt abwechselnd den Part von mehren Figuren und trägt deren Dialoge wie in einem inneren Streitgespräch vor. Dadurch wird die jeweilige Weltanschauung von der Psyche der Person abgetrennt, und die Ideologien können in Reinform gegeneinander antreten. Ein solches Vorgehen könnte das Stück kopflastig machen. Aber das wissen Heuel und sein Ensemble durch allerlei absurde Brechungen zu verhindern. Es gibt gregorianische Gesänge, groteske Tanzszenen und geniale Sprachverwirrung. In einer längeren Passage lassen sich die Protagonisten in einem deutsch-lettischen Kauderwelsch über den desolaten Zustand von Mütterchen Russland aus, während im Hintergrund der Samowar melancholisch vor sich hin brodelt. Die Koproduktion des Bonner fringe ensemble mit phoenix5 aus Münster und dem Valmieras Dramas teatris aus Lettland ist originell inszeniertes und hervorragend gespieltes Regietheater, das Tschechow zertrümmert, um ihm auf den Grund zu gehen. Dabei entstehen nicht nur Bilder von faszinierender Schönheit, sondern auch überraschende Einblicke. So kommt beispielsweise heraus, dass der alte Konflikt zwischen schön und zweckdienlich keineswegs veraltet ist, sondern nach wie vor seltsame Blüten treibt. Helmut Jasny