22.05.2006 – Kirschblütenkonfetti aus dem Ärmel

Pressespiegel

 

22.05.2006 – 
Kirschblütenkonfetti aus dem Ärmel

David Fischer plappert und plappert und plappert. Egal, wer gerade spricht am Anfang von Tschechows ?Kirschgarten?: die Gutsbesitzerin Ranjewskaja, der Kaufmann Lopachin oder sonst einer der vielen Gäste und Diener in diesem wortgewaltigen Drama zwischenmenschlicher Stille. Da ist Schwindel vorprogrammiert. Auf der Bühne wie in den Köpfen der Zuschauer. Wenn Frank Heuel vom Bonner Fringe-Ensemble gemeinsam mit Schauspielern des Lettischen Stadttheaters Valmiera Tschechows Kirschgarten im Pumpenhaus blühen lässt, dreht sich alles. Auch David Fischer. Erst im Kreis, dann um die eigene Achse. Immer schneller. Bis aus den Ärmeln seines dunklen Mantels das weiße Kirschblüten-Konfetti flattert wie die Sägespäne aus einer alten Puppe. Keine Frage: Deren Blütezeit ist längst vorbei. Wie die der anderen abgehalfterten Mottenkisten-Gestalten mit ihren zerzausten Haaren und den langen Roben, deren Aufmarsch ein einziger großer Abschied ist. Die dem Erschöpften irgendwann das Wort abnehmen, sich ebenfalls um feste Rollenverteilung einen feuchten Kehricht scheren, immer wieder erfolgreich aneinander vorbei reden und spielen, Identifikation nicht zulassen und auch ansonsten alles tun, Heuels Spiel mit den Identitäten immer wieder neu auf den Prüfstand zu stellen, kurz: immer wieder ins Leere laufen zu lassen. Zweisprachig klappt das wunderbar. Hier, wo lediglich ein gutes Dutzend brodelnder Samoware im Bühnenhintergrund halb ironisch an den Bühnen-Realismus des Russen erinnern, ist alles ein grotesker Tanz am Abgrund. Das kleine Lettland als unlukratives Auslaufmodell? Da werden Tschechows Worte zum orthodoxen Singsang, mit Harald Redmer als Hohepriester und einem Weihwasser-Kessel im Schleudergang. Da wird munter zwischen Deutsch und Lettisch hin- und hergezappt, mal übertitelt, mal direkt live auf der Bühne synchronisiert oder gar in der Person des Schauspielers Januss Johansons ein zweisprachiges monologisches Kabinettstückchen auf das marmorierte Bühnenparkett gelegt. ?Kirschgarten so klein?, sagt er dann, hält ein winziges Kirschblütenblättchen in seinen Händen und schiebt seufzend ein traumverlorenes ?Russland so groß? hinterher. Fast droht Heuels altbekanntes Repertoire der theatralen Mittel sich abzunutzen, da geht der Scheinwerfer-Mond auf. Die Samoware dampfen und der Versuch, aus der Reihe zu tanzen, bleibt ein krampfiges Solo. Natürlich fallen bei Heuel keine Bäume. Dafür lassen es alle am Ende reichlich Kirschblüten aus der Papiertüte regnen. Das Spiel ist vorbei, die Fußstapfen bleiben. Wie mahnende Abdrücke im Schnee zurück. Auch wenn sie schon gestorben sind, so leben wir noch heute Markus Küper