12.05.2006 – Inszenierung mit Glanzlicht

Pressespiegel

 

12.05.2006 – 
Inszenierung mit Glanzlicht

Bonn. Tschechows große Dramen handeln von Abschieden. In „Der Kirschgarten“ legt sich der alte Diener Firs am Ende zum Sterben hin, während die Kirschbäume abgeholzt werden, um lukrativen Sommerhäusern Platz zu machen. In Frank Heuels Inszenierung „Der Kirschgarten.2006“, die im Ballsaal Premiere hatte, gibt es – wie bei diesem Regisseur üblich – keine festen Rollenzuordnungen. In dieser „deutsch-lettischen Annäherung“ wird die historische und dramatische Verschiebung von Identitäten auf den Prüfstand gestellt. Vier Schauspieler vom Bonner fringe ensemble und seinem Münsteraner Partner phoenix5 untersuchen zusammen mit vier Ensemblemitgliedern des renommierten Stadttheaters Valmiera den Zusammenprall zweier Welten im modernen Europa. Aus den kulturellen Reibungsflächen bezieht die zweisprachige Produktion ihren Reiz. David Fischer erzählt anfangs mit atemberaubendem Tempo die ersten Szenen. Harald Redmer entwickelt aus Anklängen an russisch orthodoxe Gesänge ein Spiel mit Worten, in das alle einstimmen, bevor sie wieder auseinanderdriften. Justine Hauer und Christine Steinemeier sind die Spielerinnen zwischen fremd gewordener Heimat und heimatlicher Fremde. Das lettische Darstellerquartett Girts Ravins, Imants Strads und die bezaubernde Elina Vane berichtet vom Leben im Haus, das längst nicht mehr das eigene ist. Aus den ins Leere laufenden Diskussionen der ganzen Gesellschaft macht Januss Johansons ein zweisprachiges monologisches Kabinettstück. Dieser „Kirschgarten“ ist ein Glanzlicht des Landesprojekts „scene: estland lettland litauen in nrw“. Von Elisabeth Einecke-Klövekorn