15.03.2009 – Helmut Jasny /Münsterschen Zeitung: Blitzschlag-Theater „Direct Hit“ nach einer wahren Begebenheit

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15.03.2009 – Helmut Jasny /Münsterschen Zeitung
Blitzschlag-Theater „Direct Hit“ nach einer wahren Begebenheit

Münster. In einer frühen Frankenstein-Verfilmung ist es ein Blitz, der die tote Kreatur zum Leben erweckt. Bei dem münsterschen Schauspieler Pitt Hartmann wäre es fast umgekehrt gewesen.
Im Sommer 2006 wurde er im Sauerland von einem Blitz getroffen und hätte den Gesetzen der Statistik zufolge eigentlich tot sein müssen. Nur die schnelle Hilfe und seine gute körperliche Verfassung haben ihn gerettet.
Aus dem Koma erwacht 
Seinen Weg zurück ins Leben beschreibt er in dem Stück „Direct Hit oder Klinik am Rosengarten“, das am Freitag im Pumpenhaus uraufgeführt wurde. Während die Szene aus dem Frankenstein-Film über die Leinwand flimmert, erwacht Hartmann aus dem Koma. Auf Nachtschränken, die wie Schiffsschaukeln vom Schnürboden baumeln, sitzen zwei Krankenschwestern (Babette Verbunt und Lea Bullerjan). Im Hintergrund wartet ein aufgebocktes Fahrrad, auf dem der Patient später dem Tod davonfahren wird.Vorher muss er aber erst einmal lernen, die Wirklichkeit von den Fantasiebildern in seinem Kopf zu unterscheiden. Der Direct Hit, wie ein direkter Blitzeinschlag im medizinischen Jargon heißt, hat nicht nur seinen Körper lahm gelegt, sondern auch mental einiges durcheinander gewirbelt.
Nosferatu spukt im Hirn
Aus Krankenberichten, Tagerbucheintragungen und Interviews mit Freunden entstehen bisweilen surreal anmutende Szenen. Erinnertes vermischt sich mit unmittelbar Erlebtem. Gregor Samsa, Hitler und Nosferatu spuken durch die Gedanken des allmählich Genesenden. Im Keller der Klinik proben Pygmäen ein neues Stück, und Hartmann, der Schauspieler, müsste eigentlich auch hinunter, wenn er nur endlich aus diesem Bett käme.
Totalabsturz
Die teils dokumentarische, teils fiktive Inszenierung entwickelt anschauliche Metaphern für die Unsicherheit, die jeder Existenz anhaftet. Auf eindrucksvolle Weise wird hier gezeigt, wie sich ein Mensch nach einem Totalabsturz neu programmiert. Das größte Verdienst von Regisseur Alban Renz und seinem Ensemble besteht aber darin, dass sie Betroffenheitspathos vermeiden, indem sie das Tragische immer wieder ins Komische driften lassen.
Weitere Termine: Mittwoch bis Samstag, 18.-21. März, jeweils 20 Uhr, Karten-Tel. (0251) 233443

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14.03.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten: Ein Blitz schlägt ins Leben

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14.03.2009 – Maria Berentzen in den Westfälischen Nachrichten
Ein Blitz schlägt ins Leben

Münster. Am 5. Juli 2006 trifft ein Blitz den Münsteraner Schauspieler Pitt Hartmann. Er überlebt durch eine Reihung glücklicher Zufälle, muss aber ins Koma gelegt werden. Während des Erwachens leidet er an Halluzinationen und verzerrter Wahrnehmung. Diesen Zustand hat Regisseur Alban Renz im Stück „Direct Hit“ verarbeitet, in dem Pitt Hartmann sich selbst spielt. Freitag war im Pumpenhaus Premiere.
Der Fokus des Stücks liegt auf Hartmanns Wahrnehmung beim Erwachen aus dem Koma, der Krümmung seiner Wirklichkeit, den Wahnvorstellungen. Expressionistisch anmutenden Filmausschnitte im Hintergrund untermalen seinen Zustand: Frankenstein, der durch einen Blitz zum Leben erwacht, Nosferatu, der sich vor Schmerzen krümmt und im Licht zerfällt. Hartmann ringt um Worte, glaubt Pygmäen zu sehen, seine Sinne sind im Nebel, er zitiert Kafkas Verwandlung und wandelt Getrude Steins „Rose“ zu: „Ein Stuhl ist ein Stuhl ist ein Stuhl ist da, damit man sich sehen kann.“
„Durchgangssyndrom“ heißt dieser Zustand, bei Patienten durch die Medikamente, die sie im Koma bekommen haben, nicht zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden können. Hartmann hat einen Gummikäfer bei sich, das „Krainer Widderchen“, Insekt des Jahres 2008, über das er sinniert und es zum lustigsten Insekt erklärt. Wie viele Buchstaben gibt es auf der Welt? Warum sind die Proben der Pygmäen im Keller abgesagt? Sprache wird hier zu einer Konstruktion, die ins Leere läuft. Das sind Momente, in denen Hartmann verloren wirkt, wenn er auf dem Metallbett hockt, leicht gebeugt, den Kopf gesenkt, in seinem gestreiften Pyjama.
Schwankenden Nachttische und die Tunnelperspektive machen die entrückte Wahrnehmung greifbar, Augenzeugenberichte und medizinische Dokumente, die die zwei Krankenschwestern (Babette Verbunt und Lea Bullerjahn) verlesen, fügen sich zu einem Gesamtbild zusammen. Der Blitz ist hier eine Energie, die durch den Körper fährt und nichts mehr lässt, wie es war, den Lebensmotor in „eine fremde, rostige Karosserie einbaut“. Das Stück ist absurd, gewinnt an Fahrt, zeigt Tragik und Komik, bringt Entsetzen und Verlust auf die Bühne, aber auch den Respekt vor der Zerbrechlichkeit des Lebens, den schönen Momenten. Das Publikum war begeistert.

10.03.2009 – Von Tina Dettmar, dpa: Pitt Hartmann verarbeitet seinen Blitzschlag

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10.03.2009 – Von Tina Dettmar, dpa
Pitt Hartmann verarbeitet seinen Blitzschlag

Münster (dpa) Seine Fahrradschuhe haben Pitt Hartmann das Leben gerettet, als er vom Blitz in den Kopf getroffen wurde. Denn die Schuhe hatten Metall-Elemente unter der Sohle, die den Blitz abgeleitet haben.
Münster (dpa)Seine Fahrradschuhe haben Pitt Hartmann das Leben gerettet, als er vom Blitz in den Kopf getroffen wurde. Denn die Schuhe hatten Metall-Elemente unter der Sohle, die den Blitz abgeleitet haben.
«Ein direkter Schlag in den Kopf ist zu 99,9 Prozent tödlich, ich hatte großes Glück», sagt Hartmann am Dienstag in Münster. Im Sommer 2006 war der Schauspieler auf einer Straße am sauerländischen Sorpesee spazieren gegangen, als ihn der Blitz mit ein bis zwei Millionen Volt erwischte. Glücklicherweise überwachten Rettungsschwimmer den See und waren sofort zur Stelle. Trotzdem lag er danach zwei Wochen im künstlichen Koma. Über seine Erfahrungen hat er nun mit dem Münsteraner Regisseur Alban Renz das Theaterstück «Direct Hit oder Klinik am Rosengarten» geschrieben, das am Freitag in Münster uraufgeführt wird.

Dabei geht es vor allem um das langsame Erwachen aus dem Koma. «Ich hatte ein Wahnsinnsgefühl der Entwurzelung, war von der Hüfte an gelähmt und musste auch den Schluckreflex neu lernen», erinnert sich der 59-Jährige. Zudem litt er unter Halluzinationen und verworrener Wahrnehmung. «Ich hatte Unsicherheiten zu unterscheiden, was sind Fantasiegeschichten und was sehe ich real.»

In der Inszenierung nimmt Regisseur Renz unter anderem Videokameras und Beamer zu Hilfe, um die Verlorenheit des Patienten zu zeigen. Die Zuschauer blicken in dem rund einstündigen Stück abwechselnd auf ein karg eingerichtetes Krankenzimmer und in den Kopf des Schauspielers. Mit Hilfe schwarzer Vorhänge an den Bühnenrändern wird ein Tunnel erzeugt – und damit das Gefühl nachempfunden, das Hartmann nach dem Koma hatte. Ein Videofilm mit unscharfen Bildern symbolisiert beispielsweise, dass es dem 59-Jährigen zunächst nicht möglich war, scharf zu sehen und mit den Augen etwas zu fokussieren. «Die subjektive Wahrnehmung nach außen zu tragen, das macht Kunst auch aus», sagt Renz.

In dem Theaterstück werden Tagebucheinträge vor und nach dem Unfall sowie Arztberichte und Interviews mit Freunden und Angehörigen von Hartmann verarbeitet. «Das sind verschiedene Perspektiven der subjektiven Wahrnehmung der Leute», sagt Hartmann. Das Stück sei jedoch nicht traurig, sondern absurd, lustig und tragikomisch. Hartmann kann seine Erlebnisse nach dem «Direct Hit», so der medizinische Fachbegriff für direkten Blitzeinschlag, mittlerweile auch mit Humor sehen. «Die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffenen zu werden ist geringer als sechs Richtige im Lotto, aber ich hatte leider den Blitz.»

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09.03.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten: Arroganz in der Armut als Notwehr

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09.03.2009 – Isabell Steinböck in den Westfälischen Nachrichten
Arroganz in der Armut als Notwehr

Münster. Sie rauchen riesige Zigarren, stylen sich mit Designer-Klamotten, trinken Champagner aus teuren Schuhen. Wenn sie ins Publikum blicken, schieben sie das Becken vor, lassen die Muskeln spielen. Die „Jet Set“ demonstrieren Statussymbole und Macht, die sie bis ins Absurde übersteigern auf die Bühne bringen – oder auf die Tanzfläche von Partys und Klubs. Diese beiden Ivorer von der Elfenbeinküste, die hier im Pumpenhaus auf der Bühne stehen, sind nämlich nicht nur Schauspieler und Tänzer, sie gehören zum Dunstkreis einer Gruppe, die es tatsächlich gibt, und die sie in ihrem Tanztheaterstück mit dem treffenden Titel „Betrügen“ verkörpern.

Franck Edmond Yao alias Gadonkon la Star erzählt die Geschichte ihres unglaublichen Erfolgs: Die „Jet Set“ kommen von der Elfenbeinküste, leben in besetzten Häusern von Paris, aber treten trotz Armut und Illegalität stolz, ja, arrogant auf.

„Man muss sie gut sehen“, sagt Yao und imitiert mit Jean Claude Dagbo alias DJ Meko einen der Auftritte, die sie berühmt gemacht haben. Mit großem Getöse und aberwitzigen Ideen stellen sie ihren Präsidenten als eine Art Gott dar, der, wie sie selbst, vorgibt im Überfluss zu leben und lässig Dollarscheine in die Menge wirft. Dazu passt der „Coupé-Decalé“, ein ihnen eigener Tanzstil, der sie mal als eitle Gockel, mal als brüllende Gorillas erscheinen lässt.

In der Regie von Monika Gintersdorfer und Knut Klaßen ist das zum Schreien komisch, vor allem dann, wenn Schauspieler Hauke Heumann, der ihre französischen Texte übersetzt, versucht mitzuhalten, und als afrikanischer Macho eine Rolle spielt, die ihm so fremd ist, dass er wie eine Karikatur der beiden ohnehin schon absurden Figuren wirkt.

Gintersdorfer und Klaßen amüsieren, aber sie verwirren auch, wenn sie die Afrikaner etwas spielen lassen, das diese nur allzugut aus dem eigenen Leben kennen. Authentizität und Schauspiel sind hier bis zur Unkenntlichkeit vermischt. Dass sie den Deutschen als europäisches Pendant Schauspieler entgegensetzen, spiegelt nicht nur kulturelle Gegensätze, sondern stellt auch den vermeintlich ernsthaften Künstler an sich in Frage, ganz abgesehen von Konsum-Terror und Marken-Fetischismus, der die „Jet Set“ erst zu dem gemacht hat, was sie sind. So vielschichtig, leicht und originell ist Theater selten.

03.03.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung: Gespenster in der Nacht: Emily Jane White singt melancholisch in Münster

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03.03.2009 – Helmut Jasny in der Münsterschen Zeitung
Gespenster in der Nacht: Emily Jane White singt melancholisch in Münster

Münster. Ihre Stimme ist ein dunkel gefärbter Alt, fragil manchmal und ein bisschen verraucht. Aber nicht zu sehr. Rauchzart sozusagen.
Die Melancholie findet hier bequem ein Zuhause. Traurig sind sie sowieso, die Lieder, die Emily Jane White auf ihrem 2007 erschienen Debüt-Album „Dark Undercoat“ versammelt hat.
Dunkler Schatten
Am Montag gastierte die Sängerin und Songschreiberin aus San Francisco mit ihrer Band im Pumpenhaus und demonstrierte, dass Tristesse auch etwas Schönes haben kann, wenn man sie nur richtig in Szene setzt. Das bedeutet hier einfache, eingängige Melodien, minimale Arrangements und ein Gesang, der sich wie ein dunkler Schatten über alles legt.
Das Cello webt einen düsteren Klangteppich, aus dem die Gitarre einzelne Töne pickt. Der Bass treibt den Rhythmus in stoischem Fatalismus voran, und das Schlagzeug erzeugt eine Stimmung, wie man sie aus den Geschichten von Edgar Allan Poe kennt. Gleich, denkt man, huscht eine Gespensterschar aus den Kulissen und zieht Band plus Publikum in schwarze Nacht hinein. Metaphern von Vergänglichkeit und Tod bestimmen die Texte. Der Geliebte geht. Einsamkeit und Isolation machen sich breit. Und nirgends ein Horizont, an dem sich so etwas wie ein Lichtstreif abzeichnen könnte.
Amerika ohne Hoffnung
Whites Amerika ist ein Land, in dem die Hoffnung schon längst zu Grabe getragen wurde. In „Frozen Heart“ klappern Skelette durch ihr Gemüt, in „Liza“ werden ihre Träume vom Wüstensand begraben, in „Hole in the Middle“ formieren sich die Protagonisten zum Tanz mit dem Teufel.
Es ist der ewige Blues, der hier alles fest im Griff hat. Thematisch zumindest. Musikalisch finden sich Einflüsse von Country, Folk, Spiritual und Rock. Nick Cave meint man herauszuhören, P.J. Harvey und natürlich die Blues-Queen Bessie Smith, der White den ersten Song auf „Dark Undercoat“ gewidmet hat. „Oh, father lay me down“ heißt es da in geradezu religiöser Ergebenheit. Ein schönes Konzert und ein gefundenes Fressen für Melancholiker.
Emily Jane White: Dark Undercoat. Label Talitres; Bestellnr. 88300392; ca. 10 Euro.

16.02.2009 – Heike Eickhoff in den Westfälischen Nachrichten – Tift Merritt: Eine junge strahlende Stimme

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16.02.2009 – Heike Eickhoff in den Westfälischen Nachrichten
Tift Merritt: Eine junge strahlende Stimme

Münster – Sie wirkt ein klein wenig zerbrechlich wenn sie auf der Bühne steht. Doch die Kraft, mit der sie Gitarre und Klavier bearbeitet sowie die Intensität ihres Gesangs strafen den ersten optischen Eindruck schnell Lügen. Tift Merritt, ein Star unter den jungen Songschreibern, war mit Songs vom neuen Album „Another Country“ am Sonntagabend im Pumpenhaus zu hören. Das Publikum feierte die junge Sängerin von den ersten Tönen an mit fast ehrfürchtigem Beifall.

Vom Leben singt sie, von Hoffnung und Zuneigung. Schöne, hitverdächtige Nummern wie „Morning Is My Destination“ oder „Keep You Happy“ lassen den Ohren viel Raum zum Zuhören, gefallen ganz einfach sofort. Dabei sind Gitarre und Klavier immer auch Perkussionsins­trumente, machen Rhythmus und treiben mehr voran als dass sie die Stimme begleiten. Tift Merritt bringt die Gitarre mit dem Kapodaster flugs in angenehme Tonarten, das Klavier fasst sie mit beiden Händen fest an und macht aus wenigen Akkorden eine ziemlich stimmige Begleitung. Über allem brilliert ihre junge, strahlende Stimme.

In Jeans und Stiefeln, die Haare eher unauffällig frisiert, wirkt sie wie das amerikanische Landmädchen aus der Fernsehwerbung. „I´m not that funny, I´ll just play!“ kokettiert sie ins Publikum und legt los. Und in Deutschland sei sie besonders gern, weil sie hier „Häfäweisen“ (Hefeweizen) bekommt und kein Budweiser.

Lied folgt auf Lied, zuerst die ruhigeren Nummern, allesamt auswendig gesungen und gespielt. Dann kommen die flotteren Lieder. Ein Foto möchte sie machen für die Eltern, die ja gar nicht glauben, wie viele Leute ihr in Münster gebannt zuhören. Und greift lächelnd wieder in die Saiten statt zur Kamera. Tift Merritt ist professionell in ihrer betont schlichten Bühnenshow, glänzt mit ihren selbst geschriebenen Lieder und beeindruckt durch ihre anscheinend so offene und freundliche Art.

Gegen Ende werden die Lieder gefühlvoller. „Mille Tenderesse“ setzt den schönen Songs eine etwas sentimentale, aber unter die Gänsehaut gehende Krone auf. Eigentlich wollte sie vermeiden, dieses Lied zu spielen, lächelt sie und spielt es – dramaturgisch gut gesetzt – selbstverständlich am Ende doch.

Nach mehr als anderthalb Stunden endete das beeindruckende Konzert, das sie ohne Pause durchspielte, mit sehr viel Beifall. Ein tolles Ding, ein schöner Abend!

14.02.2009 – Friedemann Bieber über andcompany & Co. in den Westfälischen Nachrichten

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14.02.2009 – Friedemann Bieber über andcompany & Co. in den Westfälischen Nachrichten
Lenin und Lennon bitten zum Totentanz

Münster. „I am the walrus“, textete einst Lennon. Hat der Beatle geirrt? Aus dem halb versenkten Mausoleum stolpert ein Eierkopf auf den Roten Platz; Walross-Stoßzähne ragen aus der Schale. Doch das groteske Wesen verkörpert nicht John Lennon. Das Ei winkt wie nur Despoten winken. Der goldene Bart verrät: Da steht Josef Stalin. Und über ihm funkelt ein roter, fünfzackiger Stern. So beginnt im Pumpenhaus eine Expedition Marke „Magical Mystery Tour“.

„Mausoleum Buffo“ heißt das fulminante Finale einer Trilogie, mit der das international umjubelte Performance-Kollektiv „andcompany&Co.“ ins 20. Jahrhundert entführt. Nach „little red (play): ‚herstory’“ und „Time Republic“ in den Jahren 2006 und 2007 folgt nun der Abgesang auf den Kommunismus. Auf dem Roten Platz bitten Lenin und Lennon zum Totentanz.

Schade nur, dass das kaum jemand sehen will. Vor den etwa 50 Zuschauern entlädt sich ein krachendes Gewitter der Geistesblitze. Es wird grell, Trommeln donnern, Glühbirnen gleißen. Wir feiern die Ideale des Pop und des Kommunismus! Und dann: Stille, Dunkelheit, Verse. Ernüchterte, brutale Melancholie.

„Mausoleum Buffo“ ist beides, spritzige Hommage an die Utopie und schonungslose Abrechnung mit der Ideologie. Ein hochanspruchsvolles Stück, gespickt mit einem Potpourri an Zitaten von Brecht über die Beatles bis Marx, das schier unfassbare Kräfte entfaltet. Gebannt verfolgen die Zuschauer das 90-minütige Spektakel auf der Bühne, ein ebenso tosendes wie feinsinniges Fest der Kreativität. Der Spannungsbogen reißt nie ab. Anfangs hopsen Eierköpfe aus dem Mausoleum, zum Abschluss gleiten anmutig goldene Gestalten über den Roten Platz und zwischendurch grüßt zwinkernd Micky Mouse mit Pappnase.

Elvis gibt sich die Ehre, und auch Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht erscheinen zum Maskenball. Dann wieder singen psychedelische Fliegenpilze a cappella, vollführen Glühdrähte kecke Choreografien, rätseln Könner der Komik über den Leichnam Lenins. Die ganze Geschichte: eine Collage voll Witz und Ästhetik. Auf Deutsch, Englisch und Russisch sprechen die fünf Darsteller, während sie über die Bühne wirbeln. Die Kulisse ist Avantgarde: eine Synthese aus amerikanischer Showbühne und konstruktivistischer Baukunst, die klug mit Motiven spielt – etwa mit der Sonne am fernen Horizont, dem Symbol des Sozialismus. Geht sie nun eigentlich unter – oder geht sie auf? Gelbe Streifen laufen auf das Mausoleum zu, als es schlussendlich heißt: „Denn nicht darum geht es in diesem Märchen, wer zuerst da war; sondern darum, wer am Ende daran glaubt – alle oder keiner.“ Dann knipst Marx das Licht aus. Genial!

12.02.2009 – Dr. Gerald Siegmund, Goethe-Institut: Raimund Hoghe – Tänzer des Jahres 2008″

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12.02.2009 – Dr. Gerald Siegmund, Goethe-Institut auf www.kulturserver-nrw.de
Raimund Hoghe – Tänzer des Jahres 2008″

Seine Stücke erzählen vom Träumen und von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, an der die Träume zerschellen können. Die Auszeichnung zum Tänzer des Jahres trifft mit Raimund Hoghe einen außergewöhnlichen Künstler. 
Das hätte er sich wohl selbst nicht träumen lassen, obwohl seine Stücke immer auch vom Träumen erzählen. Und von der gesellschaftlichen Wirklichkeit, an der die Träume der Menschen zu zerschellen drohen. Der Tänzer und Choreograf Raimund Hoghe ist in der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift ballettanz zum Tänzer des Jahres 2008 gekürt worden, und das, obwohl der Tänzer mit dem Buckel so gar nicht in unser Bild von einem Tänzer passen will. Mit seinem Körper, der nicht den traditionellen Vorstellungen von Schönheit entspricht, zeigt sich Hoghe auf der Bühne und fordert damit unseren Blick auf die Norm heraus. Buckeln war noch nie seine Sache. Denn mit der Frage, wer sich auf der Bühne zeigen darf, ist die Frage nach der gesellschaftlichen Repräsentation von anderen Körpern und anderem Leben eng verknüpft. Diese Frage hat in Deutschland nicht nur eine grausige Vergangenheit. Sie stellt sich anbetracht biomedizinischer Entwicklungen und allgegenwärtig gewordener werbeträchtiger Idealkörper heute sogar wieder dringlicher denn je. 
Eine deutsche Geschichte 
Durch seine journalistische Tätigkeit lernte Raimund Hoghe Ende der 1970er-Jahre Pina Bausch kennen, deren Blick und Neugier auf Menschen er teilte. So wurde er ihr Dramaturg, bis der gebürtige Wuppertaler 1989 Bauschs Tanztheater wieder verließ. In den darauf folgenden Jahren choreografierte er Stücke für verschiedene Tänze und Schauspieler, bevor er 1994 sein erstes eigenes Solo Meinwärts realisierte, dem er die Biografie des von den Nationalsozialisten ermordeten Tenors Joseph Schmidt zugrunde legte. In Chambre séparée (1997) thematisierte er seine Kindheit im Deutschland der Wirtschaftswunderzeit, das die braunen Schatten der Vergangenheit noch längst nicht abgestreift hat. In Another Dream (2000) schließlich dreht sich alles um den Aufbruch der sechziger Jahre. Die deutsche Vergangenheit lässt ihn auch in seinen jüngsten Produktionen nicht los. So ist im zweiten Akt seiner Boléro Variations aus dem Jahr 2007 die Stimme von Anita Lasker-Walfisch zu hören, einer Überlebenden aus Auschwitz, die von ihren Leiden und Privilegien als Mitglied des KZ-Orchesters erzählt. Mit nackten Oberkörpern beugen sich die knienden Tänzer mit weit nach vorne gestreckten Armen dazu zum Boden. 
Sehnsuchtsräume 
Hoghes Thema ist die Zeit selbst, die vergeht, und die Erinnerung an Verdrängtes, Ausgegrenztes und an andere Formen des Zusammenlebens und der Sexualität, die im Bühnenraum zurückkehren und sich artikulieren dürfen. Seine Tänzer erscheinen wie in Swan Lake, 4 Acts(2005) als feingliedrige Gespenster, die aus der Phantasie des träumenden Choreografen entsprungen sind. Mit ihren rituell anmutenden Aktionen und ihren exakten Bewegungen aus vergangenen Schwanensee-Choreografien, in denen die Tänzer und die Tänzerin Ornella Balestra selbst einmal getanzt hatten, prägen sie sich nachhaltig ins Gedächtnis der Zuschauer ein. Hoghes Bühnen, die er mit Objekten wie Tüchern, Teelichtern, Sand oder Schalen immer wieder geometrisch gliedert, sind Sehnsuchtsräume, die wesentlich von seiner sorgfältig und sachkundig ausgewählten, immer genau auf das Thema des Stücks bezogenen Musik getragen werden. 
Ein anderes Leben 
Die Spielzeit 2007/2008 war ein produktives Jahr für Raimund Hoghe, in der er gleich mit drei neuen Stücken aufwartete. In Seoul, Korea, entwickelte er 36, Avenue Georges Mandel über die Operndiva Maria Callas, deren letzte Wohnadresse dem Stück den Namen gab. Kurz darauf folgte Boléro Variations, mit dem er im Februar 2008 auch zur Tanzplattform Deutschland nach Hannover eingeladen war. Inspiriert von Maurice Béjarts berühmter Interpretation des Boléro greift Hoghe das Drehmoment des Tanzes auf und entwickelt daraus ebenso klare wie verspielte Bewegungen für einzelne Körperteile. L’Après-midi schließlich orientiert sich an Waslaw Nijinskys erster Choreografie aus dem Jahr 1912 zur Musik von Claude Debussy und greift dessen reliefartige, zweidimensionale Bewegungen auf, die der Tänzer Emmanuel Eggermont als Faunfigur mit abgewinkelten Handgelenken und Füßen messerscharf in den Raum stellt. Es sind die Posen eines Verführers, die Hoghe aus der Geschichte aufgreift, um sie zu analysieren und neu zu betrachten. Das Thema der Sexualität, das bei der Uraufführung einen Skandal auslöste, ist dabei mehr als eine Reminiszenz. Was sich schon in seinem furiosen Duett mit dem Tänzer Lorenzo De Brabandere, Sacre – The Rite of Spring (2004), deutlich zeigte, setzt sich in L’Après-midi fort. Der Zuschauer kann die Beziehung zwischen den beiden Männern auf der Bühne auch als schwule Beziehung lesen, ohne es zu müssen. Jenseits von Anzüglichkeit oder inszenatorischer Drastik eröffnen sich den Zuschauern dabei Möglichkeiten, die Welt ein wenig anders zu sehen und sie dadurch reicher, vielfältiger und menschlicher zu gestalten. 

©Dr. Gerald Siegmund

31.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Maria Berentzen: Wenn der Krieg knackst…

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31.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Maria Berentzen
Wenn der Krieg knackst…

Münster – Irgendwo in Europa. Die Orte tragen Namen wie Madagaskar, Columbus, Alaska, die Kameraden heißen Gamma, Delta oder Möbius. Sie stehen für das Namenlose, Gesichtslose, das in allen Kriegen gleich ist. Es sind die schlimmen Geschichten, die manchmal ganz harmlos anfangen, wie das Fringe-Ensemble in Kooperation mit Phoenix5 am Donnerstag im Pumpenhaus zeigte.
Ein namenloser Erzähler berichtet in „Winter im Morgengrauen“, wie er zu einer Miliz abkommandiert wird, mit der er vier Wochen lang „Säuberungen“ durchführen soll. Glaubt er anfangs noch, die Erlebnisse wieder abschütteln, aus seinem Leben tilgen zu können, übernimmt er nach und nach die Ideologie des Tötens, wird infiltriert.
Der Erzähler beschreibt in der nüchternen Sprache des Krieges. Der Sprache, die ins Leere greift, wenn sie mit technischen Umschreibungen das Entsetzliche normal erscheinen lassen will. Getränkt ist von Hüllwörtern. Die Unschuld? Längst vergangen. Statt in Unschuld wäscht man hier die Hände in Blut rein. „Winter im Morgengrauen“ in der Regie von Frank Heuel zeigt eindrucksvoll die Relativität von Normen im Krieg, von Menschlichkeit, von Wirklichkeit – den Riss in der Welt, den der Krieg schafft. Der danach nicht zu kitten ist, weil die Teile einfach nicht mehr zusammenpassen.
Die Handlung ist sehr reduziert, viel geschieht in der Innenperspektive der Hauptfigur, die mit David Fischer, Manuel Klein und Harald Redmer gleich dreifach besetzt ist. Nur einmal bricht die Verzweiflung, die Frustration hervor: „Krach!“, ein Apfel nach dem anderen knallt gegen den Bretterzaun, den die drei Erzähler zertreten. „Knacks“ macht es, wenn die Latten brechen. Es kracht, wenn sie ins Obst beißen, mit Gier und Verachtung, die sich in ihren Gesichtern gepaart haben.
„Winter im Morgengrauen“ zeigt eine Geschichte der inneren Veränderung, die nach außen dringt, nach und nach durch alle Poren hervorbricht. Es ist die Geschichte eines Opfers, das selbst zum Täter wird, dem namenlosen Grauen des Krieges ein Gesicht gibt. Das Stück lässt bewusst Leerstellen, lässt den Zuschauer allein mit Fragen nach Schuld, Verantwortung, Normen. Erhebt keinen Zeigefinger. Das ist seine Stärke: Hier ist der Zuschauer in der Verantwortung, zu urteilen. Der Autor der Romanvorlage, Jens-Martin Eriksen, war bei der Premiere anwesend und begeistert über die Umsetzung seines Romans.
VON MARIA BERENTZEN, MÜNSTER

25.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Bernd Liesenkötter: Die Unterhaltung lebt!

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25.01.2009 – Westfälische Nachrichten – Bernd Liesenkötter
Die Unterhaltung lebt!

Münster. Die Samstagabendshow lebt. Sie darbt nicht, sie geht nicht unter – nein, sie sprüht nur so vor Leben. Adam Riese, Münsteraner Show-Biz-Urgestein, zeigt seit fast einem Jahr in regelmäßigen Abständen, was gute Abendunterhaltung ist.
Jüngstes Beispiel am vergangenen Samstag: Einlass ganz klassisch um 20 Uhr, bis auf den letzten Platz gefülltes Pumpenhaus, satirisch-neckende Stand-up-Einlage als Warm-up und darauffolgend drei Stunden kontrastreich-heiteres Showprogramm mit mal wieder hochinteressanten Gästen.
Den Anfang machte ein echter Münsteraner, Uwe Köhler, dessen „Theater Titanick“ allerdings mittlerweile Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Mit interessierten und interessanten Fragen brachte Showmaster Adam Riese neben vielen persönlichen Details auch heraus, wie das Theater Titanick entstanden ist. Im Jahr 1990, im Schlosspark des Wasserschlosses „Haus Stapel“, von dem übrigens auch die überaus charmante Assistentin Isabelle stammt, starteten die ersten Proben für das fantastische Stück „Titanick“. Aus dem Stück ist mittlerweile ein Ensemble geworden, das zahlreiche Stücke inszeniert hat, immer wieder mit beeindruckenden Konstruktionen, reich an audio-visuellen Effekten und in nicht geringem Maße spektakulär.
Einen kleinen Eindruck des Spektakels Titanick erlebten die Zuschauer im Pumpenhaus, als Claire Howells, die Titanick-Mitbegründerin und Ehefrau von Uwe Köhler, die Bühne zum Talk betrat. Wobei betrat nicht ganz exakt beschrieben ist – Titanick-gleich erschwebte sie die Pumpenhausbühne in einer echten Badewanne – das Chorstück „A lieta vita“ (An hellen Tagen) trällernd. Pompös und glamourös war der Auftritt – doch im Gespräch mit Riese zeigte sich Howells, die aus Melbourne stammt und ihren Uwe in Paris an einer Schauspielschule kennenlernte, erstaunlich locker und neckte ihn immer wieder damit, dass sie ihn 1985 in Paris eigentlich für den „arroganten Deutschen“ gehalten hatte. Als sie dann aber gemeinsam in den Zoo gingen, funkte es schlussendlich.
Besonderes Highlight in der fast 20-jährigen Titanick-Geschichte war sicherlich die Begegnung mit Literaturnobelpreisträger Dario Fo in Mailand. Im weißen Anzug saß Fo in der ersten Reihe – ein Kardinalfehler: „Hinterher war er total durchnässt“, erinnert sich Uwe Köhler. Doch nachdem sich Fo trockene Sachen angezogen hatte, kam er zurück und war vollkommen begeistert: „Siete bravi!“ Aus dieser Begegnung ist jetzt eine Zusammenarbeit entstanden. 2010 wird es wohl ein Stück von Titanick mit Texten vor Dario Fo geben.
Als zweiten Showgast hat sich Adam Riese für diese Show gleich mehrere Herren ins Pumpenhaus geholt: Die 6-Zylinder, Münsters bekannte A-cappella-Gruppe, waren zum Talk auf dem großen Show-Sofa gekommen. Und natürlich hielten die professionellen Stimmkünstler auch im 25. Jahr des Bestehens nicht mit ihrem Talent hinterm Berg. So genossen die Zuschauer neben den spannenden Talkrunden die vielen lustigen und von der Gesangsqualität her beeindruckenden Songs. Neben dem üblichen und lustigen Münsterquiz, einem Stadt-Land-Fluss-Spiel mit den 6-Zylindern, ab es gegen 23 Uhr ein wahres Finale furioso: Mit Unterstützung der 6-Zylinder und knallender Pyrotechnik von Duewi Köhler sang Claire Howells das erste Lied, das sie auf Deutsch gelernt hat: das Kufsteinlied.
Mit großem Geschunkel, viel Gelächter und Applaus ging der gelungene Abend zu Ende.

VON BERND LIESENKÖTTER, MÜNSTER